Die nachfolgende Ausarbeitung basiert auf der Untersuchung
Umweltgerechtes Verhalten als kollektive Aktion
Eine Computersimulation als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis
von Lic.phil.Jürg Artho
Psychologisches Institut der Universität Zürich / Umweltpsychologie
Die zu Grunde liegende Beschreibung der Computersimulation ist bereits sehr kompakt gehalten, und stellt einen umfassenden Untersuchungsbericht dar.
Meine Ausarbeitung bezieht und beschränkt sich auf die theoretischen Grundlagen und die unmittelbar dagegengestellten Ergebnisse der Computersimulation und ist Diskussions- Grundlage für ein diesbezügliches Seminar.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden Zitate/Querverweise
direkt übernommen, die Autoren und Jahreszahlen entsprechend der Arbeit
benannt, und die Seitenzahlen im Text jeweils in Klammern angeführt.
1.1. Das Setting
Befassen wir uns zunächst mit den Rahmenbedingungen , welche der Computersimulation zu Grunde gelegt wurden.
„ Das Beispiel spielt sich in einer Gemeinde
mit einer Population von 400 Personen ab. Der Bevölkerung ist bekannt,
daß ein Müllproblem besteht. Der Müllberg ist zu groß,
die Entsorgung von ungetrenntem Müll kostet zuviel und belastet die
Umwelt stark. Ein Lösungsvorschlag besteht darin, eine Kompostieranlage
für die ganze Gemeinde bereitzustellen. Eine solche Anlage würde
nicht nur das Prestige der Gemeinde und damit der einzelnen Einwohner verbessern,
sondern auch finanzielle Vorteile bringen. Es ist z.B. denkbar, daß
durch die Senkung der Kosten für die Abfallverbrennung die Einführung
der Sackgebühren verhindert werden könnte.
In die Kompostieranlage muß jedoch auch
Geld investiert werden. Sie lohnt sich nur unter der Bedingung, daß
die Trennung von Abfall und Kompost von vielen Personen auch tatsächlich
durchgeführt wird. Um zu prüfen, ob es sinnvoll ist, die Anlage
anzuschaffen, wird sie für eine Testphase von 10 Wochen im Sinne einer
Testphase bereitgestellt. Die Gemeindebehörden haben bekanntgemacht,
daß es 1000 kg kompostierbare Abfälle pro Woche braucht (gemäß
einer fiktiven Erhebung werden dafür im Schnitt knapp 200 abfalltrennende
Personen benötigt), damit die Anlage mit Sicherheit permanent bereitgestellt
wird.
Je weniger kompostierbare Abfälle zusammenkommen,
desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, daß das Pilotprojekt zur
definitiven Kompostieranlage wird. Allen BewohnerInnen ist klar, daß
insofern ein Verhandlungsspielraum besteht. Zusätzlich veröffentlicht
die Gemeinde fortlaufend, wieviel Kompost im Durchschnitt pro Woche gesammelt
wurde.
Die kollektive Aktion besteht in diesem Beispiel
darin, den Abfall zu trennen und ihn zur Sammelstelle zu bringen. Das Ziel
der kollektiven Aktion - das Kollektivgut - ist eine möglichst hohe
Wahrscheinlichkeit, daß die Kompostieranlage permanent angeschafft
wird.
In diesem Setting spielt sich die ganze Computersimulation
ab." (J.Artho, S. 49)
2. Fragestellungen:
a. Bedingungen und Mechanismen des umweltbezogenen menschlichen
Verhaltens
b. Warum verhält sich der/die Einzelne nicht umweltgerecht?
c. Was kann getan werden, um dieses Verhalten positiv zu beeinflussen?
d. Umweltbezogenes Verhalten wird als kollektives Verhalten begriffen,
demzufolge können
Änderungen des Einzelnen nur über Änderungen auf kollektiver
Ebene
erfolgen
2.1.Grundlagen / Literatur
(Angaben aus dem Literaturverzeichnes der Arbeit v.Jürg
Artho)
1984 Klandermans, Bert
Mobilization & Partizipation:Social-Psychological Expansions
of Resource Mobilization Theory. American Sociological Review, 49, S.583-600
1993 Marwell, Gerald & Oliver,Pamela
1992 Mobilizing Technologies for Collective Action in: Morris,
Aldon,D. & McClurg Mueller, Carol. Frontiers in Social Movement Theory.
New Haven, Conn: Yale Univ. Press 251-272
Konkrete Anwendung auf umweltrelevante Inhalte wurde noch nie unternommen, erfolgt also mit dieser Arbeit erstmals
2.2. Ziel
Ziel der Computersimulation ist es, Aussagen darüber, was Einzelpersonen, Behörden und Organisationen unternehmen bzw. unterlassen sollten, um kollektives, nachhaltiges Handeln zu fördern, sowie Schaffung der Grundlagen für weitere Arbeiten dazu
2.3. Problem
Eingriffe in eine Sozietät sind sehr aufwendig, quantitativ kaum zu bewältigen und ethisch schwer zu verantworten
2.4. Lösungsidee
Da man aus verschiedenen bereits vorliegenden Studien umfangreiches Vergleichszahlenmaterial hat, kann man eine Computersimulation entwickeln, in welcher die Entscheidungs- und Verhaltensfaktoren operationalisiert und damit „berechenbar" werden.
2.5. Vorab-Kritik
Der Autor nennt in seiner Arbeit selbst, daß solch eine Computersimulation nur höchst eingeschränkt aussagefähig ist, und nur durch permanenten Einbezug weiterer relevanter Befunde aus „lebendigen" Untersuchungen bestenfalls tendenziell die Grundlage für neue Theorien geschaffen werden kann.(S.48, Abschn.3.3.)
Weiterhin werden mit den Ergebnissen der Computersimulation keine statistischen Tests durchgeführt, weil „...eine quantitative Auswertung eine Genauigkeit vorspielen, die in dieser Form nicht gegeben ist." Und weiter: „...durch die vielen getroffenen Annahmen und Vereinfachungen kann keine genaue Vorhersage über den Verlauf der kollektiven Aktion gemacht werden" (S.69)
Wir werden uns daher im Folgenden weniger mit der Kritik und Verifikation des Experimentaldesigns und der Methoden zu befassen haben, als vielmehr die zu Grunde liegenden Determinanten der zu operationalisierenden Parameter zunächst inhaltlich, aber auch unter Einbezug der gefundenen Ergebnisse darstellen.
3. Individuelle Entscheidungskognitionen
3.1. Was ist eine „kollektive Aktion"
Hierunter versteht man eine Aktion mit gleichen Verhaltensweise
einer oder mehrerer Personen, mit dem Ziel ein Kollektivgut zu erreichen.
Von einem Kollektivgut profitieren alle Personen (solange es zur Verfügung
steht)
Die Kooperation interessierter Personen ist daher implizit.
Das Kollektivgut steht einer bestimmten Menge Menschen (kollektiv)
ohne Zugangsbeschränkung zur Verfügung
In der Untersuchung ist die Abgrenzung kollektiver Aktionen
von Modebewegungen wesentlich: die kollektive Aktion hat ein Kollektivgut,
also z.B. der Erhalt eines Parkgeländes, als Ziel, welches gesichert
werden soll, eine Modebewegung wäre z.B. „Rollerbladen".
3.2.Teilnahmeentscheid
Es handelt sich dabei um eine Individualentscheidung darüber,
ob an einer kollektiven Aktion teilgenommen wird oder nicht
Dieser richtet sich nach dem Interesse der Person und nach
Information darüber, was ANDERE Personen machen werden
3.3. Entscheidungskriterien für den/die Einzelne/n
a. Nimmt eine Person nur an einer kollektiven Aktion teil, wenn
sie weiß, daß auch andere an der Aktion teilnehmen?
b. Oder gerade dann nicht, weil sie auch vom Kollektivgut ohne
Eigenbeitrag profitieren kann?
c. Oder nur Teilnahme, wenn Eigenbeitrag die Aussichten auf das
Kollektivgut entscheidend verbessert?
3.4.Social-Dilemmata
Hierbei geht es um die strategische Analyse von Interessenskonflikten
3.4.1. Gefangenen-Dilemma
zwei Gefangene stehen vor der Wahl eines Geständnisses
oder Bestreitens einer Tat je nach Aussage fällt die Strafe
für den anderen Gefangenen unterschiedlich aus
3.4.2. Kollektivgut-Dilemma
wieviel Aufwand soll eine Person für eine kollektive
Aktion beitragen?
Frage: Unter welchen Bedingungen setzen Personen individuelle
Ressourcen ein, um durch ihren Beitrag die Umwelt zu schonen
Unter „Individuelle Ressourcen" versteht man dabei
alles, was eine Person aufbringen muß, um sich umweltgerecht
zu verhalten: Geld, Zeit, Energie
Risiko: die Person erbringt eine Beitragsleistung, ohne daß
das Kollektivgut erreicht wird
oder: Beitragsleistung, bei welcher andere profitieren,
die nichts beigetragen haben (Give-Some-Experiment)
3.4.3. Ressourcen-Dilemma (Take-Some-Experiment)
Wieviel eines bestehenden Kollektivgutes soll eine Person nehmen
Problem:
bei Eigenverzicht entsteht langfristig großer Schaden,
weil andere nicht verzichten
oder: bei Nicht-Verzicht kann das Kollektivgut in kurzer
Frist zerstört sein
Hier besteht ein konkreter Bezug zur Umweltproblematik
3.5. Grenznutzen
Es handelt sich hierbei um die subjektiv wahrgenommene Relation zwischen individuellem Aufwand für und Nutzen aus der kollektiven Aktion
3.5.1. Ressourcen-Kosten:
"Wert" einer Stunde für Schichtarbeiter/Studenten/Manager/Hausfrau
unterschiedlich
3.5.2. Ressourcen-Ertrag:
Der Anteil am Kollektivgut, welcher mit einer bestimmten Menge
an Ressourceneinsatz gesichert werden kann
Grenznutzen ist dabei der zusätzliche Ertrag bei Einsatz weiterer Ressourcen
Man betrachtet aber nicht nur die Ressourcenrelationen, sondern führt auch eine Ertragsbetrachtung durch:
3.5.3. Ertrag-Nutzen:
subjektives Interesse (z.B. Geschwindigkeitsbeschränkung
mit/ohne Kinder)
Nutzen ist der individuell gewichtete Ertrag
3.6. Grenznutzenfunktion nach Marwell & Oliver:
Ressourcen Anderer + eigene Ressourcen = Ertrag
Der Teilnahmeentscheid entsteht aus dem Ertrag des Kollektivgutes im Verhältnis zu den eigenen aufzuwendenden Ressourcen.
3.7. Individueller Gewinn
Er ist das Resultat der Aufwand-Ertrags-Rechnung
Kosten geteilt durch Anzahl = eigener anteiliger Aufwand => führt
zu anteiligem Ertrag
Die Kosten-Nutzen-Rechnung wird günstiger, wenn ohne eigenen
Beitrag die Möglichkeit besteht, vom Kollektivgut zu profitieren.
3.8. Substantieller Gewinn
Dies ist der direkte Nutzen aus dem Ressourceneinsatz
Die Bereitschaft zur Kooperation steigt, wenn der zu erwartende
substantielle Gewinn steigt.
Problem:
Wie wird subjektiv der substantielle Gewinn ermittelt.
Besteht dieser aus dem „Beitrag Anderer plus meinem Beitra", oder
ist es nur der durch meinen Einsatz zusätzlich entstehende Ertrag
Beispiel: Aussage: „...mein Beitrag bringt sowieso nichts.."
Diese Aussage zeigt, daß kein individueller Gewinn erwartet
wird, und der substantielle Gewinn als zu gering oder nicht vorhanden
eingeschätzt wird.
4. Entscheidungsfindung in der Gruppe
Die unterschiedliche Dynamik des Makroeffektes „kollektive Aktion" kommt
durch unterschiedliche Entscheide (und Entscheidungsgrundlagen sowie Entscheidungszugänge)
auf der Mikroebene „Individuum" zustande.
Mit jedem zusätzlichen Beitrag, der geleistet wird, wird die Wahrscheinlichkeit
der Eigenteilnahme unwahrscheinlicher, d.h. daß dann vom Kollektivgut
auch derjenige profitiert, welcher keinen eigenen Beitrag geleistet hat.
Beispiel: Picnic: 5.Sorte Wein zur 3.Fleischsorte
Es geht also darum, dem potentiellen Teilnehmer nicht das Gefühl zu vermitteln, daß sein eigener, zusätzlicher Beitrag keine wesentliche Ergebnissteigerung mehr bedeutet, und somit für ihn aus der Beitragsbeisteuerung letztendlich ein Verlust für ihn entsteht.
4.1. Optimumsregel:
Bei abnehmender Grenznutzenfunktion besteht zwar kein Problem, eine kollektive Aktion auszulösen, aber es werden sich nie alle Personen an der Aktion beteiligen, sondern nur so viele, daß der Optimumspunkt erreicht wird.
4.2. Zunehmender Grenznutzen
Bei zunehmendem Grenznutzen ist der Aufwand, eine kollektive Aktion auszulösen zwar groß, jedoch steigt der zusätzliche Ertrag jedes weiteren Teilnehmers exponentiell, so daß sich immer mehr Personen an der Aktion beteiligen.
4.3. Alle-oder-Niemand Verträge
Es findet keine individuelle Gewichtung der beigebrachten Ressourcen
und der daraus unmittelbar bezogenen Erträge statt, sondern jeder
Teilnehmer weiß, daß sein Beitrag zu einem Gesamtertrag führt,
von dem auch er profitiert.
Hier ist charakteristisch, daß zunächst große
Startschwierigkeiten zu überwinden sind, jedoch mit anlaufender kollektiver
Aktion ein Schneeballeffekt entsteht. Bewerkstelligt wird dies durch einen
„Vertrag", bei dem jeder Teilnehmer zusichert, sich an der kollektiven
Aktion zu beteiligen, wenn dies alle anderen (oder eine entsprechende Anzahl)
ebenfalls tun.
4.4. Selektive Anreize
Hier werden individuelle Belohnungen für die teilnehmenden Personen über das zu erreichende Kollektivgut hinaus angeboten, um zu einer für die kollektive Aktion positiven Entscheidung zu führen. (Heizkostenabrechung in Bern pauschal, in München individuell - dies führt zu stärkerem Kostenbewußtsein und damit zur „kollektiven Aktion" Energie zu sparen.
4.5.Ressourcenbeiträge Anderer
Es hat sich in Untersuchungen gezeigt, daß die Erwartung darüber,
ob andere Personen an einer kollektiven Aktion teilnehmen
a. eine höhere Wahrscheinlichkeit bewirken, selbst
teilzunehmen.
b. die Einschätzung über die Anzahl der Teilnehmer
positiver kogniziert wird, als bei Personen, die annahmen,
daß die kollektive Aktion sinnlos sei.
c. je höher die Anzahl der erwarteten sonstigen Teilnehmer
ist, umso höher ist die Tendenz, selbst teilzunehmen
Bei abnehmender Grenznutzenfunktion jedoch wird die Person umso eher NICHT an der Aktion teilnehmen, je geringer der eigene Zusatznutzen ist, da sie ja auch ohne eigene Beteiligung vom Kollektivgut profitieren kann.
4.6. Individuelle Faktoren im Gruppenkontext
4.6.1. Soziale Orientierung
Eine Person bezieht nicht nur den eigenen Gewinn in die Überlegung
mit ein, sondern bedenkt auch die (positiven) Effekte für andere
beteiligte (und nicht beteiligte) Personen.
Selbst, wenn diese Person persönlich nichts gewinnt, wird
sie bereit sein, einen Beitrag zu leisten. Dies ist empirisch untersucht
und bestätigt. Hier folgert man einen positiven Zusammenhang zwischen
sozialer Orientierung und Kooperationsbereitschaft.
Soziale Orientierung variiert je nach Perzeption des Dilemmas,
es können die individuellen Kosten relevant sein, als auch der Gewinn
(und betrachtet werden).
4.6.2 Verantwortungsgefühl
Individuelles Verantwortlichkeitsgefühl für die Gruppe
wirkt sich auf das Engagement aus.
Je höher der Bedarf an Ressourcen zum Erreichen des Kollektivgutes
ist, umso mehr steigt das Verantwortungsgefühl. Dies hängt
(auch) mit Variablen wie Identifizierbarkeit und Identifikation mit der
Gruppe zusammen: je stärker diese ausgeprägt sind, umso eher
wird sich eine Person für das Kollektivgut einsetzen.
4.6.3 Verantwortungsdiffusion
Je mehr Personen anwesend sind, umso geringer ist die Tendenz, selbst Hilfe zu leisten - das eigene Verantwortungsgefühl wird unterdrückt und auf einen unbestimmbaren „Anderen" projiziert.
4.6.4. Vertrauen und Fairness
Es wird angenommen, ist jedoch noch nicht nachgewiesen, daß
Vertrauen in das Verhalten Anderer für die eigenen Kooperationsentscheide
notwendig ist.
Fairness ist hierin enthalten stellt aber ein eigenes Bewertungs-Item
dar: wenn ich erwarte, daß Andere sich mir (bzw. dem von mir mitgetragenen)
Ergebnis entsprechend verhalten, werde ich dies auch tun und umgekehrt
(hier ist dann das Vertrauen in das -faire- Verhalten Anderer relevant)
4.6.5. Einstellung
Untersuchungen zu Einstellungen hinsichtlich eines Kollektivgutes
gibt es kaum.
Klandermans zeigte in einer Untersuchung 1984 bei Gewerkschaftsmitgliedern,
daß nicht nur diejenigen Teilnehmer, die an der kollektiven Aktion
(Streik) zur Erreichung des Kollektivgutes (kürzere Arbeitszeiten)
teilnahmen, ein „Kollektivgutmotiv" (Erwartung, daß die eigene Teilnahme
zu kürzeren Arbeitszeiten führt) hatten, sondern ALLE Gewerkschaftsteilnehmer.
Somit schließt Klandermans, daß der Teilnahmeentscheid
an einer kollektiven Aktion nicht von deren Einstellung abhängt.
4.6.6. Aggregiertes Interesse
Hierunter versteht man einen Summanden aus gewichtetem persönlichem Gewinn und Kollektivgewinn. Das Verhältnis der beiden Wichtungen ist dabei das Maß der sozialen Orientierung. Nach Befunden wirkt das aggregierte Interesse teilnahmefördernd, je höher es bei einer Person vorhanden ist.
4.6.7. Demographische Variablen
Motivationale Faktoren werden als wesentlich entscheidungsfördernder angesehen, als demographische Variablen. Zu Letzteren gibt es auch keine Studien.
4.6.8 Individuelle Ressourcen
Diese beeinflussen zwar nicht die Bereitschaft zur Teilnahme an
einer kollektiven Aktion, aber deren Durchführungsmöglichkeit
per se.
Ressourcen sind die Voraussetzung, überhaupt zu einem positiven
Teilnahmeentscheid kommen zu können.
Höchste Relevanz dabei hat wiederum die Gewichtung der Ressourcen.
4.6.9. Gruppengröße
Unter Gruppe werden all diejenigen Personen verstanden, die ein
Interesse am angestrebten Kollektivgut haben, und damit potentielle Teilnehmer
sind.
Olson kam 1965 in einer Zusammenfassung und Analyse von 19 Studien
zu dem Schluß, daß eine kollektive Aktion in großen Gruppen
nur durch selektive Anreize erfolgen kann. Dies wird von anderen Autoren
dergestalt eingeschränkt,. daß man dem Kollektivgut einen einen
Gemeinschaftsnutzen (Jointness of Supply) zuschreibt.
4.6.10. Gemeinschaftsnutzen
Man unterscheidet
a. maximalen Gemeinschaftsnutzen
b. minimalen Gemeinschaftsnutzen
zu a. bei Vorhandensein des Kollektivgutes kann jeder dieses mitnutzen,
unabhängig von der Größe der Gruppe
zu b. bei steigender Nutzung des Kollektivgutes reduziert sich die
Bereitschaft des einzelnen Teilnehmers, (freiwillig) Ressourcen beizutragen
Die Größe der Gruppe hat also in Abhängigkeit von der Art des Kollektivgutes und individuellem Ertrag Einfluß auf den Teilnahmeentscheid,
4.6.11. Kommunikation
In der Untersuchung wird massenmediale Kommunikation explizit
ausgeschlossen
Interpersonale Kommunikation fördert sozial verantwortliches
Handeln, und macht gegenüber nicht sozial handelnden Personen robuster.
Durch Kommunikation können Erwartungen über Beiträge
und Teilnahmentscheide anderer Personen zur Gewißheit gemacht werden.
Auch spielt die gegenseitige Beeinflussung eine erhebliche Rolle.
4.6.12. Soziale Netzwerke
Wie auch Kommunikation haben soziale Bindungen einen hohen Stellenwert.
Wer mit wem wie kommuniziert, definiert das soziale Netz, alle
individuellen Netze ergeben das soziale Netzwerk einer Population, quasi
die Kommuniaktionskanäle.
In der Soziologie betrachtet man soziale Bindungen als Grundlage
für kollektive Aktionen.
Klandermans & Oegema haben 1987 ein Mobilisierungsmodell für
kollerktive Aktionen entwickelt, bei welchem an erster Stelle die Integration
in ein Netzwerk als potentieller Teilnehmer steht, denn ohne soziale Bindungen
wird es keine „Anwerbeversuche" für die kollektive Aktion geben In
den weiteren Stufen stellt jede Stufe eine Voraussetzung dafür dar,
die jeweils nächste Stufe erreichen zu können, erst auf der letzten
Stufe entscheidet sich die Person für oder gegen eine Teilnahme.
Es gibt auch andere Mobilisierungsstrategien:
Initiatoren suchen potentielle Mitstreiter auch außerhalb
der persönlichen Netzwerke, man versucht, die „schweigende Masse"
zu mobilisieren.
Marwell & Oliver haben 1993 versucht, die Frage zu beantworten, was effektiver ist:
a. die verfügbaren Mittel einzusetzen, um wenige Teilnehmer
zu finden, die aber große Ressourcen haben, und die ihrerseits ein
persönliches Netzwerk haben (Multiplikatoren),
b. möglichst viele Personen nach dem Giesskannenprinzip
anzusprechen
Es ergab sich eine Abhängigkeit von der Art der Teilnahmezusage:
will man „alle-oder-niemand"-Verträge zustandebringen, ist
es effektiver, ressourcen- und interessenreiche Personen zu mobilisieren
Dabei wird angemerkt, „daß die Dichte und der Zentralisierungsgrad
des Gesamtnetzwerkes einen positiven Einfluß auf das Auftreten der
kollektiven Aktion hat" , und „ daß der Zentralisierungseffekt auch
darauf zurückzuführen ist, daß ...immer diejenige Person
andere TeilnehmerInnen organisiert, die am meisten Ressourcen mobilisieren
kann" (S.25)
4.6.12.1. Schwache Verbindungen und Zentralität
Mitglieder verschiedener Cliquen sind nur schwach verbunden, entsprechend
hoch wird die Informationsdiffusion postuliert (Granovetter 1978)
Andererseits ist nur durch solche Verbindungen gesichert, daß
die Informationen nicht nur im eigenen Kreise verbleiben, sondern auch
nach außen gelangen.
Marwell und Oliver (1993) halten nun zentralisierte Verbindungen für die schwächeren, und zwar umso mehr,. je zentralisierter die Personen sind - Ihr Argument: je zentralisierter eine Person in der Gruppe verankert ist, umso weniger Zeit verbleibt, um sich um den Einzelnen zu kümmern, demzufolge sind solche Verbindungen wenig intensiv.
Sie sehen aber durchaus auch, daß schwache Verbindungen für die Diffusion von Information unabdingbar sind.
Granovetter würde demzufolge für seine Mobilisierung Personen nehmen, die am Rande einer Organisation stehen, weil diese viele Kontakte zu anderen Kreisen haben, und damit der „Funke der Idee" weitergetragen wird.
Marwell und Oliver würden jedoch zentralisiert stehende Personen
nehmen, da diese (an der Spitze) stehen, und daher zu sehr vielen Personen
innerhalb der Gruppe Kontakt haben ( S.26)
4.7. Organisator/In
Dies muß nicht zwangsläufig eine Person mit dem meisten Interesse an der Sache an sich sein - Zald & McCarthy stellten bereits 1987 fest, „daß immer mehr sogenannte OrganisationsunternehmerInnen (organisational entrepreneurs) die Anfänge einer sozialen Bewegung bewirken." (S.26)
Hier liegt das Interesse großteils nicht an der Sache an sich, sondern in eigenen Zielen
4.8. Soziale Norm
Soziale Norm ist die Erwartung einer Person darüber, welche Verhaltensweisen andere Personen von ihr erwarten. Aus welchen Gründen denkt nun eine Person, daß eine Bezugsperson etwas Bestimmtes von ihr erwartet?
Personen richten sich nach dem Verhalten und den Meinungen
Anderer, auch, wenn dies nicht vorbehaltlos der eigenen Meinung entspricht
(S.29)
Jürg Artho vermutet in der sozialen Norm eine Schlüsselposition
dafür, daß sich umweltgerechtes Verhalten nicht verbreitet
Dies will er hier untersuchen,. und stellt die Frage „ob dies ein Anknüpfungspunkt
für die Förderung von umweltgerechtem Verhalten sein kann". (S.29)
5.Fragestellungen
Nach eingehender Vorstellung der Theorien von Klandermans, Marwell &
Oliver u.a. sowie Erörterung diverser bereits vorliegender Ergebnisse
formuliert Jürg Artho mehrere Fragen und Hypothesen, die mit dem Computermodell
simuliert und dadurch geprüft werden sollen.
Dabei trennt Artho zwischen InitiatorInnen, also Personen, die
als Initialzündung der Aktion aktiv, aber unkoordiniert beitreten,
während als OrganisatorInnen Personen gesucht waren, die mittels eines
„alle-oder-niemand"-Vertrages Ihren Kontaktkreis dazu bewegen sollte, an
der Aktion teilzunehmen.
5.1. Was für Auswirkungen hat der Einbezug der sozialen Norm auf die von Marwell & Oliver gefundenen grundsätzlichen Gesetzmässigkeiten bei der Entstehung kollektiver Aktionen? Können Effekte gefunden werden, die über die Resultate grundätzlich dasselbe Muster aufweisen?
Hypothese: Der Einbezug der sozialen Norm verstärkt die Effekte und Dynamiken, welche von Marwell und Oliver gefunden wurden.
Ergebnis:
Die Hypothese wurde bestätigt. Die Startschwierigkeiten
verschärfen sich. „Hatten alle Personen gleich viele Kontaktpersonen,
so konnte unter Einbezug der sozialen Norm kein einziges
Mal die Startschwierigkeiten überwunden werden" (S. 73/74).
Es kam also keine kollektive Aktion zustande.
Dieses Ergebnis kam bei einer Zentralität von 100% zustande,
also bei einer Person, die ausschließlich innerhalb der
eigenen Gruppe über Kontakte verfügte.
5.2. Wie verändern sich die Erfolgschancen für eine kollektive Aktion, wenn die organisierende Person sehr ressourcenreich oder sehr interessiert ist?
Hypothese 1: Die Erfolgschancen verschlechtern sich.
Ergebnis:
Es zeigt sich, daß weder OrganisatorInnen mit dem
„meisten Interesse", noch der/diejenigen mit „den meisten Ressourcen"
erfolgreiche Verträge zustandebrachten, sondern diejenigen, die als
„optimale Person" bezeichnt wird.
Optimal ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von 5 Variablen:
a. Ressourcen
b. Interessen
c. Ressourcen- und
d. Interessenverteilung der Kontaktpersonen
e. Anzahl der Kontaktpersonen
5.3. Welchen Einfluß auf die kollektive Aktion hat die Stellung der organisierenden Person im sozialen Netzwerk?
Hypothese 2: OrganisatorInnen mit vielen Kontakten innerhalb der eigenen Clique haben größere Erfolgschancen
Bei einer Zentralität von .75 ändert sich der Einfluß
der sozialen Norm.
Bei homogenen Gruppen kam es nach Überwindung der Startschwierigkeiten
dann zu einer sehr großen Teilnehmerzahl.
Man variierte dann das Bedeutungslevel der sozialen Norm, und
erhielt einen negativen Einfluß.
Artho begründet dies : „Bei einer heterogenen Gruppe werden
die Entscheide der Personen jedoch noch durch die Ressourcen
und die Interessen unterschiedlich ausfallen. In jenen
Untergruppen, die die meisten Ressourcen aufbringen, machen nicht
alle Personen mit, weil es Personen darunter hat, die wenig Interesse aufbringen,
so daß der soziale Druck negativer wird. Oder der soziale
Druck wird höher, weil der Verlust durch die Ressource
so groß ist, daß er nicht durch das Interesse aufgehoben
werden kann. Kurz: bei heterogenen Gruppen spielen noch Interese und Ressourcen
in den Entscheid mit ein, so daß die Wahrscheinlichkeit
eines erfolgreichen Vertrages in der größten Gruppe
sinkt. Die Folge davon ist, daß ein Vertrag zustande kommt, der
nicht optimal ist, oder daß sogar kein Vertrag zustande kommt"
(S.74/75)
Als weiteres Ergebnis hält Artho fest, daß „ die Startschwierigkeiten mit Einbezug der sozialen Norm massiv größer waren, als ohne Einbezug ..." und „ ...daß der Einbezug der sozialen Norm den negativen Effekt der Interessenstreuung verstärkte" (S. 75)
5.4. Parameter für die InitiatorInnen-Suche
Wieviele InitiatorInnen sind für eine erfolgreiche und langfristige
kollektive Aktion nötig?
Ist es besser, InitiatorInnen mit viel Interesse an der Sache
oder solche mit vielen Ressourcen einzusetzen?
An welchen Netzwerkstellen sollen InitiatorInnen idealerweise
stehen?
Wie interagiert der Einfluß von ressourcenreichen resp.
Interessenreichen InitiatorInnen mit dem Einfluß ihrer Netzwerkstellung?
Hypothese: Aufgrund des Modells muß angenommen werden, daß je mehr und je ressourcenreicher die InitiatorInnen sind, desto größere Erfolgschancen bestehen. Weiter wird erwartet, daß InitiatorInnen mit sehr vielen Kontakten die besten Erfolgschancen mit sich bringen. Über die Interaktionen kann keine Vermutung geäußert werden.
Ergebnis: Es zeigt sich, daß „nicht InitiatorInnen eingesetzt
werden sollen, die einerseits in ihrer eigenen Gruppe viele Kontakte und
somit großen Einfluß haben (zentrale Personen), und andererseits
großes Interesse an der Anlage haben. Aufgrund der Ergebnisse ist
die Überlegung, daß mehr Kontakte der InitiatorInnen generell
mehr kompostierende Personen bedeuten, eine Fehlannahme" (S.84)
Daraus folgt, daß es besser ist, mehr Initiatorinnen (=
Erhöhung der Kontakte) oder mehr „ressourcenreiche InitiatorInnen"
zu suchen.
Daher wurden im Experiment (der Computersimulation) mehrere unterschiedliche
Varianten
betrachtet.
5.4.1. Einfluß der Anzahl der InitiatorInnen
Ohne Aktivität zur Lancierung der kollektiven Aktion können
keine kollektiven Aktionen auftreten: jeder denkt, daß es sich nicht
lohnt, der kollektiven Aktion beizutreten (zu kompostieren), weil es die
anderen auch nicht tun.
Jürg Artho." Möglicherweise denkt sich <die Person,
d.Verf> sogar, daß, wenn alle ihre Kontaktpersonen kompostieren würden,
dann würde Sie das auch tun. Bei niemandem aber reicht das Interesse
soweit, daß sie als erste Person etwas beitragen würde. So halten
sich die Leute gegenseitig gefangen in ihrem Verhalten" (S.77)
Damit wird deutlich, daß es unabdingbar ist, sogenannte
InitiatorInnen einzusetzen, die diesen Teufelskreis durchstoßen,
und somit „das Argument `mein Beitrag bringt nichts` zu entkräften"
(S.77)
Die andere Möglichkeit besteht darin, eine Person als OrganisatorIn
mit dem Zustandebringen eines „alle oder niemand"-Vertrages zu betrauen
in der Hoffenung, daß sich die Aktion nach dieser Initialzündung
von selbst weiter ausbreitet
5.4.2. Deckeneffekt
Bei zufälliger Auswahl der InitiatorInnen ohne Berücksichtigung
derer Stellung im Netzwerk zeigt sich, daß umso mehr Ressourcen zusammenkommen,
je mehr InitiatorInnen sich beteiligen.(positiver Zusammenhang)
„Ab einer bestimmten Anzahl von InitiatorInnen bringen jedoch
weitere InitiatorInnen keinen grösseren Erfolg mehr." (S.78)
Dies bezieht Jürg Artho auf die Optimumsregel nach Marwell
& Oliver,die besagt, daß „eine Population ihre gesamthaften Beiträge
auf einem Optimum einpendelt. Ab einem bestimmten Punkt im abnehmenden
teil der S-Kurve wird der Grenznutzen für jede Person, die noch nichts
beigetragen hat, im Verhältnis zum Aufwand zu klein, um noch teilzunehmen"
(S.78)
5.4.3. Schneeballeffekt
Sind die Startschwierigkeiten überwunden, verbreitet sich
die Teilnahmebereitschaft exponentiell, weil der zu erwartende Grenznutzen
für jeden weiteren Teilnehmer größer ist, als der Input.
„Es wird jedoch bald der abnehmende Teil der S-förmigen Grenznutzenfuktion
erreicht. In diesem Bereich beginnt die Optimierungsregel zu greifen" (S.78/79)
Dabei wurde festgestellt, daß eine Mindestanzahl an InitiatorInnen
Grundvoraussetzung für das Zustandekommen einer erfolgreichen kollektiven
Aktion ist, jedoch eine unbegrenzte Steigerung an InitiatorInnen über
das Optimum hinaus für das Gesamtergebnis nicht relevant ist (Deckeneffekt),
sondern die zufällige Zusammensetzung der Personengruppen und deren
Interessen und Ressourcen ein positives Ergebnis verursacht.
Anderersits wirkt eine Erhöhung der Anzahl der InitiatorInnen
über die Idealanzahl hinaus nicht kontraproduktiv.
5.5. Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Netzwerkstellungen der organisierenden Person auf die Verteilung der Teilnahmen über die Population?
Hypothese: OrganisatorInnen mit vielen Kontakten innerhalb der eigenen Clique bewirken eine blockweise Teilnahme; O. mit Kontakten zu Personen von unterschiedlichen Cliquen bewirken auf die Population regelmäßig verteilte Annahmen.
„Das deutlichste Ergebnis ist, daß eine Einschränkung
des möglichen OrganisatorInnenkreises durch eine Netzwerkforderung
bei der Variante der optimalen Organisator/In eine einschneidende negative
Wirkung hatte" (J.Artho, S. 90)
Und weiter:
„Die Einschränkung einer peripheren Netzwerkstellung wirkte
dabei restriktiver, als die zentrale Netzwerkstellung"
Daraus wird geschlossen, daß die Netzwerkstellung der organisierenden Person eine zentrale Rolle spielt, jedoch nur in der Vorgebbedingung einer bestimmten Netzwerkstellung wirkt sich dieselbe restriktiv aus.
Hypothese: Ein zentraler Organisator fördert die blockweise Teilnahme, eine periphere Netzwerkstellung eine breit gestreute Teilnahme
Dies konnte nicht bestätigt werden. Wenngleich in der Bedingung
einer zentralen Netzwerkstellung am ehesten eine blockweise Teilnahme festgestellt
wird, sind die Unterschiede zur zufälligen oder peripheren Netzwerkstellung
kaum ersichtlich, und auf zufällige Teilnahmeentscheide zurückzuführen.
Es zeigt sich allerdings, daß einE OrganisatorIn nicht
unbedingt selbst an einer Aktion selbst teilnehmen muß, obwohl sich
der Organisationsaufwand lohnt. Artho erklärt das mit dem sozialen
Druck auf die organisierende Person, der erst dann zum Tragen kommt, wenn
der Vertrag bereits in Kraft ist - die organisierende Person steht dann
zwangsläufig selbst unter dem sozialen Druck, teilnehmen zu müssen.
5.6. Bringen Interventionen, die auf die Bedeutung der sozialen Norm
gerichtet sind, Effekte?
Wie müssen sie gestaltet werden, damit Effekte beobachtet werden?
Hypothese: Eine Senkung der Bedeutung der sozialen Norm wirkt sich positiv
auf die Erfolgschancen einer kollektiven Aktion aus.
Eine Erhöhung der sozialen Norm zum richtigen Zeitpunkt
wirkt sich positiv auf die Stabilität einer kollektiven Aktion aus.
5.6.1 Senkung der sozialen Norm
Dies bedeutet, daß Personen die Erwartungen anderer an
das eigene Verhalten weniger wichtig einstufen, man also „unbefangener"
und damit „selbst" entscheiden kann, was man entscheiden will.
Die Hypothese, nach welcher die Erfolgschancen durch Senkung
der sozialen Norm gesteigert werden, konnte bestätigt werden.
Unabhängig von der Netzwerkstellung der InitiatiorInnen
wurden die Erfolgschancen erhöht.. Bei peripherer Netzwerkstellung
wirkt sich die Senkung der sozialen Norm, also der eigenen Erwartungshaltung
über Beurteilungen Anderer weniger stark aus, als bei zentraler oder
zufälliger Netzwerkstellung.
„Tendenziell wird dadurch die Hypothese bestätigt, daß
bei peripheren InitatorInnen die soziale Norm als Verbreitungsfaktor zum
Tragen kommt"(J.Artho S.87)
Er erwähnt aber auch, daß die Hypothese noch eingehende
geprüft werden muß, um diesbezüglich definitive Aussagen
machen zu können.
Hinsichtlich der Verteilung der teilnehmenden Personen zeigte
sich eine blockweise Teilnahme bei zentraler und zufälliger Netzwerkstellung
der Initiatorinnen, während bei peripherer Nertzwerkstellung eine
breite Streuung der teilnehmenden Personen ersichtlich wurde.
Ein überraschender Befund ist, daß die Senkung der
sozialen Norm zu einem Ergebnis wie dargestellt führte, welches man
jedoch ohne eine Senkung der sozialen Norm erwartet hätte.
5.6.2. Erhöhung der Bedeutung der sozialen Norm
Um die oben angeführte Hypothese zu prüfen, wurde eine
Kampagne zur Erhöhung der Bedeutung der sozialen Norm simuliert, sobald
die Mehrheit an der kollektiven Aktion teilnimmt.
Es zeigte sich, daß unter der Bedingung der Erhöhung
der sozialen Norm die Teilnahmebereitschaft absank, was auf das Argument
zurückgeführt wird, daß der „eigene Aufwand deshalb nicht
so nötig ist", und dies Wwirkt stärker, als der Druck, den die
Person durch ihre soziale Umwelt erfährt."
Demzufolge ziehen sich Personen wieder von der kollektiven Aktion
zurück.
5.7. Ist es effizienter, kollektive Aktionen mit einem „alle-oder-niemand"-Vertrag oder mit InitiatorInnen zu evozieren?
Hierzu die diesbezüglichen Ausführungen insgesamt im Zitat (S.96)
„Der Vergleich der beiden Strategien „Einsatz von InitiatorInnen"
und „Organisation" ist nur unter der Bedingung möglich, daß
die Kosten für die Suche nach OrganisatorInnen resp. InitiatorInnen
ohne Bedeutung sind. Sind diese Kosten gleich, muß zusätzlich
berücksichtigt werden, daß das Modell der „alle-oder.niemand"-Verträge
darauf ausgerichtet ist, daß sich das Organisieren lohnt.
Das Enagegment als Initiatorin lohnt jedoch nur insofern, daß
die Personen für ihre InitiatorInnen-Tätigkeit entschädigt
werden. Während die OrganisatorInnen mindestens keinen Verlust, meistens
sogar einen Gewinn verbuchen können, verzeichnen die allermeisten
InitiatorInnen durch die Entschädigung keinen Verlust, aber auch keinen
Gewinn. Erst, wenn die Kosten der beiden Strategien bis hin zum Einsatz
der OrganisatorInnen resp. InitiatorInnen aufsummiert sind, können
sie verglichen werden.
Ginge man davon aus, daß die Budgets der aktiven Gruppierung
unbegrenzt sind, und deshalb Kosten keine Rolle spielen, zeigen die Resultate,
daß die Strategie der „alle-oder-niemand"-Verträge effizienter
ist.
Um die Strategien wirklich vergleichen zu können, ist das
Modell zu wenig ausdifferenziert. Es taugt zwar zum Vergleich von Vorgehensweisen
innerhalb der einzelnen Strategien, jedoch nicht für Vergleiche zwischen
ihnen."
6. Quintessenz und abschließender Kommentar
Die hier zu Grunde liegende Arbeit von Jürg Artho zeigt sehr
schön die Einstiegsgedanken, die theoretischen
und terminologischen Grundlagen der Entwicklung entsprechender
Fragestellung und die Herangehensweise an dieselben.
Inwieweit tatsächlich die gefundenen Ergebnisse umsetzbar
und verifizierbar sind, kann hier im Rahmen dieses Referatsbeitrages
aus verschiedenen Gründen nicht näher beleuchtet
und diskutiert werden.
Jürg Artho selbst bemerkt sehr richtig:
Validierung
Die Anwendung der Computersimulation steht und fällt mit
einer fachgerechten Validierung. Während ein erstes
Vorgehen in Richtung Anwendung und Ausbau eine Validierung
nach Augenscheinkriterien und aufgrund von bestehenden Modellen noch
genügen mag, wird ein wichtiger nächster Schritt in der Evaluation
einer kollektiven Aktion aufgrund von Kriterien aus dem Simulationsmodell
sein. Eine erste Möglichkeit dazu besteht darin, statistische
Auswertungen individueller Daten aus simulierten kollektiven
Aktionen durchzuführen, und diese mit Daten aus der Literatur zu
vergleichen. Der wichtigere Schritt wird aber der Vergleich von Daten einer
realen kollektiven Aktion mit Daten der gleichen kollektiven Aktion
sein, die auf dem Computer nachgestellt wird." (S. 106)