Sozialpsychologisches Blockseminar
„Abfallpolitik & Abfallmoral"
Institut für Psychologie
Ludwig-Maximilians-Universität-München SS 1998
Leitung: Prof.Dr.Dieter Frey,
Dipl.Psych. Dipl.Volksw.Eva Jonas
Referent: Hans-Joachim Steiner


Umweltgerechtes Verhalten als kollektive Aktion
Zusammenfassung eines Berichts über eine Computersimulation von   lic.phil. Jürg Artho
E-Mail Jürg Artho

 
1. Vorwort

Die nachfolgende Ausarbeitung basiert auf der Untersuchung
Umweltgerechtes Verhalten als kollektive Aktion

Eine Computersimulation als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis
von Lic.phil.Jürg Artho
Psychologisches Institut der Universität Zürich / Umweltpsychologie

Die zu Grunde liegende Beschreibung der Computersimulation ist  bereits sehr kompakt gehalten, und stellt einen umfassenden Untersuchungsbericht dar.

Meine Ausarbeitung bezieht und beschränkt sich auf die theoretischen Grundlagen und die unmittelbar dagegengestellten Ergebnisse der Computersimulation und ist Diskussions- Grundlage für ein diesbezügliches Seminar.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden Zitate/Querverweise direkt übernommen, die Autoren und Jahreszahlen entsprechend der Arbeit benannt, und die Seitenzahlen im Text jeweils in Klammern angeführt.
 
1.1. Das Setting

Befassen wir uns zunächst mit den Rahmenbedingungen , welche der Computersimulation zu Grunde gelegt wurden.

„ Das Beispiel spielt sich in einer Gemeinde mit einer Population von 400 Personen ab. Der Bevölkerung ist bekannt, daß ein Müllproblem besteht. Der Müllberg ist zu groß, die Entsorgung von ungetrenntem Müll kostet zuviel und belastet die Umwelt stark. Ein Lösungsvorschlag besteht darin, eine Kompostieranlage für die ganze Gemeinde bereitzustellen. Eine solche Anlage würde nicht nur das Prestige der Gemeinde und damit der einzelnen Einwohner verbessern, sondern auch finanzielle Vorteile bringen. Es ist z.B. denkbar, daß durch die Senkung der Kosten für die Abfallverbrennung die Einführung der Sackgebühren verhindert werden könnte.
In die Kompostieranlage muß jedoch auch Geld investiert werden. Sie lohnt sich nur unter der Bedingung, daß die Trennung von Abfall und Kompost von vielen Personen auch tatsächlich durchgeführt wird. Um zu prüfen, ob es sinnvoll ist, die Anlage anzuschaffen, wird sie für eine Testphase von 10 Wochen im Sinne einer Testphase bereitgestellt. Die Gemeindebehörden haben bekanntgemacht, daß es 1000 kg kompostierbare Abfälle pro Woche braucht (gemäß einer fiktiven Erhebung werden dafür im Schnitt knapp 200 abfalltrennende Personen benötigt), damit die Anlage mit Sicherheit permanent bereitgestellt wird.
Je weniger kompostierbare Abfälle zusammenkommen, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, daß das Pilotprojekt zur definitiven Kompostieranlage wird. Allen BewohnerInnen ist klar, daß insofern ein  Verhandlungsspielraum besteht. Zusätzlich veröffentlicht die Gemeinde fortlaufend, wieviel Kompost im Durchschnitt pro Woche gesammelt wurde.

Die kollektive Aktion besteht in diesem Beispiel darin, den Abfall zu trennen und ihn zur Sammelstelle zu bringen. Das Ziel der kollektiven Aktion - das Kollektivgut - ist eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit, daß die Kompostieranlage permanent angeschafft wird.
In diesem Setting spielt sich die ganze Computersimulation ab."  (J.Artho, S. 49)

2. Fragestellungen:

 a. Bedingungen und Mechanismen des umweltbezogenen menschlichen Verhaltens
 b. Warum verhält sich der/die Einzelne nicht umweltgerecht?
 c. Was kann getan werden, um dieses Verhalten positiv zu beeinflussen?
 d. Umweltbezogenes Verhalten wird als kollektives Verhalten begriffen, demzufolge         können Änderungen des Einzelnen nur über Änderungen auf kollektiver Ebene              erfolgen

2.1.Grundlagen / Literatur
 (Angaben aus dem Literaturverzeichnes der Arbeit v.Jürg Artho)

 1984 Klandermans, Bert
 Mobilization & Partizipation:Social-Psychological Expansions of Resource Mobilization Theory. American Sociological Review, 49, S.583-600
 1993 Marwell, Gerald & Oliver,Pamela
 1992 Mobilizing Technologies for Collective Action in: Morris, Aldon,D. & McClurg Mueller, Carol. Frontiers in Social Movement Theory. New Haven, Conn: Yale Univ. Press 251-272

 Konkrete Anwendung auf umweltrelevante Inhalte wurde noch nie unternommen, erfolgt also mit dieser Arbeit erstmals

2.2. Ziel

 Ziel der Computersimulation ist es, Aussagen darüber, was Einzelpersonen, Behörden und Organisationen unternehmen bzw. unterlassen sollten, um kollektives, nachhaltiges Handeln zu fördern, sowie Schaffung der Grundlagen für weitere Arbeiten dazu

2.3. Problem

 Eingriffe in eine Sozietät sind  sehr aufwendig, quantitativ kaum zu bewältigen und ethisch schwer zu verantworten

2.4. Lösungsidee

 Da man aus verschiedenen bereits vorliegenden Studien umfangreiches Vergleichszahlenmaterial hat, kann man eine Computersimulation entwickeln, in welcher die Entscheidungs- und Verhaltensfaktoren  operationalisiert und damit „berechenbar" werden.

2.5. Vorab-Kritik

 Der Autor nennt in seiner Arbeit selbst, daß solch eine Computersimulation nur höchst eingeschränkt aussagefähig ist, und nur durch permanenten Einbezug weiterer relevanter Befunde aus „lebendigen" Untersuchungen bestenfalls tendenziell die Grundlage für neue Theorien geschaffen werden kann.(S.48, Abschn.3.3.)

 Weiterhin werden mit den Ergebnissen der Computersimulation keine  statistischen Tests durchgeführt, weil „...eine quantitative Auswertung eine Genauigkeit vorspielen, die in dieser Form nicht gegeben ist." Und weiter: „...durch die vielen getroffenen Annahmen und Vereinfachungen kann keine genaue Vorhersage über den Verlauf der kollektiven Aktion gemacht werden" (S.69)

 Wir werden uns daher im Folgenden weniger mit der Kritik und Verifikation des Experimentaldesigns und der Methoden zu befassen haben, als vielmehr die zu Grunde liegenden Determinanten der zu operationalisierenden Parameter zunächst inhaltlich, aber auch unter Einbezug der gefundenen Ergebnisse darstellen.

3. Individuelle Entscheidungskognitionen

3.1. Was ist eine „kollektive Aktion"

 Hierunter versteht man eine Aktion mit gleichen Verhaltensweise einer oder mehrerer Personen, mit dem Ziel ein Kollektivgut zu erreichen. Von einem Kollektivgut profitieren alle Personen (solange es zur Verfügung steht)
 Die Kooperation interessierter Personen  ist daher implizit.
 Das Kollektivgut steht einer bestimmten Menge Menschen (kollektiv) ohne Zugangsbeschränkung zur Verfügung
  In der Untersuchung ist die Abgrenzung kollektiver Aktionen von Modebewegungen wesentlich: die kollektive Aktion hat ein Kollektivgut, also z.B. der Erhalt eines Parkgeländes, als Ziel, welches gesichert werden soll, eine Modebewegung wäre z.B. „Rollerbladen".

3.2.Teilnahmeentscheid

 Es handelt sich dabei um eine Individualentscheidung darüber, ob an einer kollektiven Aktion teilgenommen wird oder nicht
 Dieser richtet sich  nach dem Interesse der Person und nach Information darüber, was ANDERE Personen machen werden

3.3. Entscheidungskriterien für den/die Einzelne/n
 
 a. Nimmt eine Person nur an einer kollektiven Aktion teil, wenn sie weiß, daß   auch andere  an der Aktion teilnehmen?
 b. Oder gerade dann nicht, weil sie auch vom Kollektivgut ohne Eigenbeitrag    profitieren kann?
 c. Oder nur Teilnahme, wenn Eigenbeitrag die Aussichten auf das Kollektivgut   entscheidend verbessert?

3.4.Social-Dilemmata
 
 Hierbei geht es um die strategische Analyse von Interessenskonflikten

3.4.1. Gefangenen-Dilemma
  zwei Gefangene stehen vor der Wahl eines Geständnisses oder Bestreitens einer  Tat je nach Aussage fällt die Strafe für den anderen Gefangenen unterschiedlich  aus

3.4.2. Kollektivgut-Dilemma
  wieviel Aufwand soll eine Person für eine kollektive  Aktion beitragen?
  Frage: Unter welchen Bedingungen setzen Personen individuelle Ressourcen   ein, um durch ihren Beitrag die Umwelt zu schonen
  Unter „Individuelle Ressourcen" versteht man dabei   alles, was eine Person   aufbringen muß, um sich umweltgerecht zu verhalten: Geld, Zeit, Energie

 Risiko: die Person erbringt eine Beitragsleistung, ohne daß das Kollektivgut erreicht   wird
 oder:  Beitragsleistung, bei welcher andere profitieren, die nichts beigetragen haben   (Give-Some-Experiment)

3.4.3. Ressourcen-Dilemma  (Take-Some-Experiment)
  Wieviel eines bestehenden Kollektivgutes soll eine Person nehmen
 Problem:
  bei Eigenverzicht entsteht langfristig großer Schaden, weil andere nicht    verzichten
 oder:  bei Nicht-Verzicht kann das Kollektivgut in kurzer Frist zerstört sein
 
Hier besteht ein konkreter Bezug zur Umweltproblematik

3.5. Grenznutzen

 Es handelt sich hierbei um die subjektiv wahrgenommene Relation zwischen individuellem Aufwand für und Nutzen aus der kollektiven Aktion

3.5.1. Ressourcen-Kosten:
  "Wert" einer Stunde für Schichtarbeiter/Studenten/Manager/Hausfrau    unterschiedlich

3.5.2. Ressourcen-Ertrag:
  Der Anteil am Kollektivgut, welcher mit einer bestimmten Menge an    Ressourceneinsatz gesichert werden kann

Grenznutzen ist dabei der zusätzliche Ertrag bei Einsatz weiterer Ressourcen

 Man betrachtet aber nicht nur die Ressourcenrelationen, sondern führt auch eine Ertragsbetrachtung durch:

3.5.3. Ertrag-Nutzen:
  subjektives Interesse (z.B. Geschwindigkeitsbeschränkung mit/ohne Kinder)

Nutzen ist der individuell gewichtete Ertrag

3.6. Grenznutzenfunktion nach Marwell & Oliver:

 Ressourcen Anderer + eigene Ressourcen = Ertrag

 Der Teilnahmeentscheid entsteht aus dem Ertrag des Kollektivgutes im Verhältnis zu den eigenen aufzuwendenden Ressourcen.

3.7. Individueller Gewinn

 Er ist das Resultat der Aufwand-Ertrags-Rechnung
 Kosten geteilt durch Anzahl = eigener anteiliger Aufwand => führt zu anteiligem Ertrag
  Die Kosten-Nutzen-Rechnung wird günstiger, wenn ohne eigenen Beitrag die Möglichkeit besteht, vom Kollektivgut zu profitieren.

3.8. Substantieller Gewinn

 Dies ist der direkte Nutzen aus dem Ressourceneinsatz
 Die Bereitschaft zur Kooperation steigt, wenn der zu erwartende substantielle Gewinn steigt.

 Problem:
 Wie wird subjektiv der substantielle Gewinn ermittelt.
 

 Besteht dieser aus dem „Beitrag Anderer plus meinem Beitra", oder ist es nur der durch meinen Einsatz zusätzlich entstehende Ertrag
 Beispiel: Aussage: „...mein Beitrag bringt sowieso nichts.."
 Diese Aussage zeigt, daß kein individueller Gewinn erwartet wird, und der substantielle Gewinn  als zu gering oder nicht vorhanden eingeschätzt wird.

4. Entscheidungsfindung in der Gruppe

Die unterschiedliche Dynamik des Makroeffektes „kollektive Aktion" kommt durch unterschiedliche Entscheide (und Entscheidungsgrundlagen sowie Entscheidungszugänge) auf der Mikroebene „Individuum" zustande.
Mit jedem zusätzlichen Beitrag, der geleistet wird, wird die Wahrscheinlichkeit der Eigenteilnahme unwahrscheinlicher, d.h. daß dann vom Kollektivgut auch derjenige profitiert, welcher keinen eigenen Beitrag geleistet hat.
Beispiel: Picnic: 5.Sorte Wein zur 3.Fleischsorte

Es geht also darum, dem potentiellen Teilnehmer nicht das Gefühl zu vermitteln, daß sein eigener, zusätzlicher Beitrag keine wesentliche Ergebnissteigerung mehr bedeutet, und somit für ihn aus der Beitragsbeisteuerung letztendlich ein Verlust für ihn entsteht.

4.1. Optimumsregel:

 Bei abnehmender Grenznutzenfunktion besteht zwar kein Problem, eine kollektive Aktion auszulösen, aber es werden sich nie alle Personen an der Aktion beteiligen, sondern nur so viele, daß der Optimumspunkt erreicht wird.

4.2. Zunehmender Grenznutzen

 Bei zunehmendem Grenznutzen ist der Aufwand, eine kollektive Aktion auszulösen zwar groß, jedoch steigt der zusätzliche Ertrag jedes weiteren Teilnehmers exponentiell,  so daß sich immer mehr Personen an der Aktion beteiligen.

4.3. Alle-oder-Niemand Verträge

 Es findet keine individuelle Gewichtung der beigebrachten Ressourcen und der daraus unmittelbar bezogenen Erträge statt, sondern jeder Teilnehmer weiß, daß sein Beitrag zu einem Gesamtertrag führt, von dem auch er profitiert.
 Hier ist charakteristisch, daß zunächst große Startschwierigkeiten zu überwinden sind, jedoch mit anlaufender kollektiver Aktion ein Schneeballeffekt entsteht. Bewerkstelligt wird dies durch einen „Vertrag", bei dem jeder Teilnehmer zusichert, sich an der kollektiven Aktion zu beteiligen, wenn dies alle anderen (oder eine entsprechende Anzahl) ebenfalls tun.

4.4. Selektive Anreize

 Hier werden individuelle Belohnungen für die teilnehmenden Personen über das zu erreichende Kollektivgut hinaus angeboten, um zu einer für die kollektive Aktion positiven Entscheidung zu führen. (Heizkostenabrechung in Bern pauschal, in München individuell - dies führt zu stärkerem Kostenbewußtsein und damit zur „kollektiven Aktion" Energie zu sparen.

4.5.Ressourcenbeiträge Anderer

Es hat sich in Untersuchungen gezeigt, daß die Erwartung darüber, ob andere Personen an einer kollektiven Aktion teilnehmen
 a.  eine höhere Wahrscheinlichkeit bewirken, selbst teilzunehmen.
 b.  die Einschätzung über die Anzahl der Teilnehmer positiver kogniziert wird, als   bei Personen, die annahmen, daß die kollektive Aktion sinnlos sei.
 c.  je höher die Anzahl der erwarteten sonstigen Teilnehmer ist, umso höher ist die  Tendenz, selbst teilzunehmen

  Bei abnehmender Grenznutzenfunktion jedoch wird die Person umso eher NICHT an der Aktion teilnehmen, je geringer der eigene Zusatznutzen ist, da sie ja auch ohne eigene Beteiligung vom Kollektivgut profitieren kann.

4.6. Individuelle Faktoren im Gruppenkontext

4.6.1. Soziale Orientierung

 Eine Person bezieht nicht nur den eigenen Gewinn in die Überlegung mit ein, sondern bedenkt auch die  (positiven) Effekte für andere beteiligte (und  nicht beteiligte) Personen.
 Selbst, wenn diese Person persönlich nichts gewinnt, wird sie bereit sein, einen Beitrag zu leisten. Dies ist empirisch untersucht und bestätigt. Hier folgert man einen positiven Zusammenhang zwischen sozialer Orientierung und Kooperationsbereitschaft.
 Soziale Orientierung variiert je nach Perzeption des Dilemmas, es können die individuellen Kosten relevant sein, als auch der Gewinn (und betrachtet werden).

4.6.2 Verantwortungsgefühl

 Individuelles Verantwortlichkeitsgefühl für die Gruppe wirkt sich auf das Engagement aus.
 Je höher der Bedarf an Ressourcen zum Erreichen des Kollektivgutes ist, umso mehr steigt das Verantwortungsgefühl. Dies hängt  (auch) mit Variablen wie Identifizierbarkeit und Identifikation mit der Gruppe zusammen: je stärker diese ausgeprägt sind, umso eher wird sich eine Person für das Kollektivgut einsetzen.

4.6.3 Verantwortungsdiffusion

 Je mehr Personen anwesend sind, umso geringer ist die Tendenz, selbst Hilfe zu leisten - das eigene Verantwortungsgefühl wird unterdrückt und auf einen unbestimmbaren „Anderen" projiziert.

4.6.4. Vertrauen und Fairness

 Es wird angenommen, ist jedoch noch nicht nachgewiesen, daß Vertrauen in das Verhalten Anderer für die eigenen Kooperationsentscheide notwendig ist.
 Fairness ist hierin enthalten stellt aber ein eigenes Bewertungs-Item dar: wenn ich erwarte, daß Andere sich mir (bzw. dem von mir mitgetragenen) Ergebnis entsprechend verhalten, werde ich dies auch tun und umgekehrt (hier ist dann das Vertrauen in das -faire- Verhalten Anderer relevant)

4.6.5. Einstellung

 Untersuchungen zu Einstellungen hinsichtlich eines Kollektivgutes gibt es kaum.
 Klandermans zeigte in einer Untersuchung 1984 bei Gewerkschaftsmitgliedern, daß nicht nur diejenigen Teilnehmer, die an der kollektiven Aktion (Streik) zur Erreichung des Kollektivgutes (kürzere Arbeitszeiten) teilnahmen, ein „Kollektivgutmotiv" (Erwartung, daß die eigene Teilnahme zu kürzeren Arbeitszeiten führt)  hatten, sondern ALLE Gewerkschaftsteilnehmer.
 Somit schließt Klandermans, daß der Teilnahmeentscheid an einer kollektiven Aktion nicht von deren Einstellung abhängt.

4.6.6. Aggregiertes Interesse

 Hierunter versteht man einen Summanden aus gewichtetem persönlichem Gewinn und Kollektivgewinn. Das Verhältnis der beiden Wichtungen ist dabei das Maß der sozialen Orientierung. Nach Befunden wirkt das aggregierte Interesse teilnahmefördernd, je höher es bei einer Person vorhanden ist.

4.6.7. Demographische Variablen

 Motivationale Faktoren werden  als wesentlich entscheidungsfördernder angesehen, als demographische Variablen. Zu Letzteren gibt es auch keine Studien.

4.6.8 Individuelle Ressourcen

 Diese beeinflussen zwar nicht die Bereitschaft zur Teilnahme an einer kollektiven Aktion, aber deren Durchführungsmöglichkeit per se.
 Ressourcen sind die Voraussetzung, überhaupt zu einem positiven Teilnahmeentscheid kommen zu können.
 Höchste Relevanz dabei hat wiederum die Gewichtung der Ressourcen.
 

4.6.9. Gruppengröße

 Unter Gruppe werden all diejenigen Personen verstanden, die ein Interesse am angestrebten Kollektivgut haben, und damit potentielle Teilnehmer sind.
 Olson kam 1965 in einer Zusammenfassung und Analyse von 19 Studien zu dem Schluß, daß eine kollektive Aktion in großen Gruppen nur durch selektive Anreize erfolgen kann. Dies wird von anderen Autoren dergestalt eingeschränkt,. daß man dem Kollektivgut einen einen Gemeinschaftsnutzen (Jointness of Supply) zuschreibt.

4.6.10. Gemeinschaftsnutzen

 Man unterscheidet
 a. maximalen Gemeinschaftsnutzen
 b. minimalen Gemeinschaftsnutzen

zu a. bei Vorhandensein des Kollektivgutes kann jeder dieses mitnutzen, unabhängig von der Größe der Gruppe
zu b. bei steigender Nutzung des Kollektivgutes reduziert sich die Bereitschaft des einzelnen Teilnehmers,  (freiwillig) Ressourcen beizutragen

 Die Größe der Gruppe hat also in Abhängigkeit von der Art des Kollektivgutes und individuellem Ertrag Einfluß auf den Teilnahmeentscheid,

4.6.11. Kommunikation
 In der Untersuchung wird massenmediale Kommunikation explizit ausgeschlossen
 Interpersonale Kommunikation fördert sozial verantwortliches Handeln, und macht gegenüber nicht sozial handelnden Personen robuster.

 Durch Kommunikation können Erwartungen über Beiträge und Teilnahmentscheide anderer Personen zur Gewißheit gemacht werden.
 Auch spielt die gegenseitige Beeinflussung eine erhebliche Rolle.

4.6.12. Soziale Netzwerke

 Wie auch Kommunikation haben soziale Bindungen einen hohen Stellenwert.
 Wer mit wem wie kommuniziert, definiert das soziale Netz, alle individuellen Netze ergeben das soziale Netzwerk einer Population, quasi die Kommuniaktionskanäle.
 In der Soziologie betrachtet man soziale Bindungen als Grundlage für kollektive Aktionen.

 Klandermans & Oegema haben 1987 ein Mobilisierungsmodell für kollerktive Aktionen entwickelt, bei welchem an erster Stelle die Integration in ein Netzwerk als potentieller Teilnehmer steht, denn ohne soziale Bindungen wird es keine „Anwerbeversuche" für die kollektive Aktion geben In den weiteren Stufen stellt jede Stufe eine Voraussetzung dafür dar, die jeweils nächste Stufe erreichen zu können, erst auf der letzten Stufe entscheidet sich die Person für oder gegen eine Teilnahme.
 

 Es gibt auch andere Mobilisierungsstrategien:
 Initiatoren suchen potentielle Mitstreiter auch außerhalb der persönlichen Netzwerke, man versucht, die „schweigende Masse" zu mobilisieren.

 Marwell & Oliver haben 1993 versucht, die Frage zu beantworten, was effektiver ist:

 a. die verfügbaren Mittel einzusetzen, um wenige Teilnehmer zu finden, die aber große Ressourcen haben, und die ihrerseits ein persönliches Netzwerk haben (Multiplikatoren),
 b. möglichst viele Personen nach dem Giesskannenprinzip anzusprechen

 Es ergab sich eine Abhängigkeit von der Art der Teilnahmezusage:
 will man „alle-oder-niemand"-Verträge zustandebringen, ist es effektiver, ressourcen- und interessenreiche Personen zu mobilisieren
 Dabei wird angemerkt, „daß die Dichte und der Zentralisierungsgrad des Gesamtnetzwerkes einen positiven Einfluß auf das Auftreten der kollektiven Aktion hat" , und „ daß der Zentralisierungseffekt auch darauf zurückzuführen ist, daß ...immer diejenige Person andere TeilnehmerInnen organisiert, die am meisten Ressourcen mobilisieren kann" (S.25)

4.6.12.1. Schwache Verbindungen und Zentralität

 Mitglieder verschiedener Cliquen sind nur schwach verbunden, entsprechend hoch wird die Informationsdiffusion postuliert (Granovetter 1978)
 Andererseits ist nur durch solche Verbindungen gesichert, daß die Informationen nicht nur im eigenen Kreise verbleiben, sondern auch nach außen gelangen.

 Marwell und Oliver (1993) halten nun zentralisierte Verbindungen für die schwächeren, und zwar umso mehr,. je zentralisierter die Personen sind - Ihr Argument: je zentralisierter eine Person in der Gruppe verankert ist, umso weniger Zeit verbleibt, um sich um den Einzelnen zu kümmern, demzufolge sind solche Verbindungen wenig intensiv.

 Sie sehen aber durchaus auch, daß schwache Verbindungen für die Diffusion von Information unabdingbar sind.

 Granovetter würde demzufolge für seine Mobilisierung Personen nehmen, die am Rande einer Organisation stehen, weil diese viele Kontakte zu anderen Kreisen haben, und damit der „Funke der Idee" weitergetragen wird.

 Marwell und Oliver würden jedoch zentralisiert stehende Personen nehmen, da diese (an der Spitze) stehen, und daher zu sehr vielen Personen innerhalb der Gruppe Kontakt haben ( S.26)
 
 

4.7. Organisator/In

 Dies muß nicht zwangsläufig eine Person mit dem meisten Interesse an der Sache an sich sein - Zald & McCarthy stellten bereits 1987 fest, „daß  immer mehr sogenannte OrganisationsunternehmerInnen (organisational entrepreneurs) die Anfänge einer sozialen Bewegung bewirken." (S.26)

 Hier liegt das Interesse großteils nicht an der Sache an sich, sondern in eigenen Zielen

4.8. Soziale Norm

 Soziale Norm ist die Erwartung einer Person darüber, welche Verhaltensweisen andere Personen von ihr erwarten. Aus welchen Gründen denkt nun eine Person, daß eine  Bezugsperson etwas Bestimmtes von ihr erwartet?

 Personen richten  sich nach dem Verhalten und den Meinungen Anderer, auch, wenn dies nicht vorbehaltlos der eigenen Meinung entspricht (S.29)
 
Jürg Artho vermutet in der sozialen Norm eine Schlüsselposition dafür, daß sich umweltgerechtes Verhalten nicht verbreitet
Dies will er hier untersuchen,. und stellt die Frage „ob dies ein Anknüpfungspunkt für die Förderung von umweltgerechtem Verhalten sein kann". (S.29)

5.Fragestellungen

Nach eingehender Vorstellung der Theorien von Klandermans, Marwell & Oliver u.a. sowie Erörterung diverser bereits vorliegender Ergebnisse  formuliert Jürg Artho mehrere Fragen und Hypothesen, die mit dem Computermodell simuliert und dadurch geprüft werden sollen.
Dabei trennt Artho zwischen InitiatorInnen, also Personen, die  als Initialzündung der Aktion aktiv, aber unkoordiniert beitreten, während als OrganisatorInnen Personen gesucht waren, die mittels eines „alle-oder-niemand"-Vertrages Ihren Kontaktkreis dazu bewegen sollte, an der Aktion teilzunehmen.

5.1. Was für Auswirkungen hat der Einbezug der sozialen Norm auf die von Marwell &   Oliver gefundenen grundsätzlichen Gesetzmässigkeiten bei der Entstehung kollektiver   Aktionen? Können Effekte gefunden werden, die über die Resultate grundätzlich    dasselbe Muster aufweisen?

 Hypothese: Der Einbezug der sozialen Norm verstärkt die Effekte und Dynamiken,   welche von Marwell und Oliver gefunden wurden.

 Ergebnis:
 Die Hypothese  wurde bestätigt. Die Startschwierigkeiten verschärfen sich. „Hatten   alle Personen gleich viele Kontaktpersonen, so konnte unter Einbezug der sozialen    Norm kein einziges Mal die Startschwierigkeiten überwunden werden" (S. 73/74).
 Es kam also keine kollektive Aktion zustande.
 Dieses Ergebnis kam bei einer Zentralität von 100% zustande, also bei einer Person,   die ausschließlich innerhalb der eigenen Gruppe über Kontakte verfügte.

5.2. Wie verändern sich die Erfolgschancen für eine kollektive Aktion, wenn die    organisierende Person sehr ressourcenreich oder sehr interessiert ist?

 Hypothese 1: Die Erfolgschancen verschlechtern sich.

 Ergebnis:

 Es zeigt sich, daß weder OrganisatorInnen mit dem  „meisten Interesse", noch der/diejenigen mit „den meisten Ressourcen"  erfolgreiche Verträge zustandebrachten, sondern diejenigen, die als „optimale Person" bezeichnt wird.
 Optimal ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von 5 Variablen:
 
 a. Ressourcen
 b. Interessen
 c. Ressourcen- und
 d. Interessenverteilung der Kontaktpersonen
 e. Anzahl der Kontaktpersonen

5.3. Welchen Einfluß auf die kollektive Aktion hat die Stellung der organisierenden Person im sozialen Netzwerk?

 Hypothese 2:  OrganisatorInnen mit vielen Kontakten innerhalb der eigenen Clique haben größere Erfolgschancen

 Bei einer Zentralität von .75 ändert sich der Einfluß der sozialen Norm.
 Bei homogenen Gruppen kam es nach Überwindung der Startschwierigkeiten dann zu   einer sehr großen Teilnehmerzahl.
 Man variierte dann das Bedeutungslevel der sozialen Norm, und  erhielt einen    negativen Einfluß.
 Artho begründet dies : „Bei einer heterogenen Gruppe werden die Entscheide der    Personen jedoch noch durch die Ressourcen und die Interessen unterschiedlich    ausfallen. In jenen Untergruppen, die die meisten Ressourcen aufbringen, machen nicht  alle Personen mit, weil es Personen darunter hat, die wenig Interesse aufbringen, so   daß der soziale Druck negativer wird. Oder der soziale Druck wird höher, weil der   Verlust durch die Ressource so groß ist, daß er nicht durch das Interesse aufgehoben   werden kann. Kurz: bei heterogenen Gruppen spielen noch Interese und Ressourcen in   den Entscheid mit ein, so daß die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Vertrages in   der größten Gruppe sinkt. Die Folge davon ist, daß ein Vertrag zustande kommt, der   nicht optimal ist, oder daß sogar kein Vertrag zustande kommt"  (S.74/75)

Als weiteres Ergebnis hält Artho fest, daß „ die Startschwierigkeiten mit Einbezug der sozialen Norm massiv größer waren, als ohne Einbezug ..." und „ ...daß der Einbezug der sozialen Norm den negativen Effekt der Interessenstreuung verstärkte" (S. 75)

 
5.4. Parameter für die InitiatorInnen-Suche

 Wieviele InitiatorInnen sind für eine erfolgreiche und langfristige kollektive Aktion nötig?
 Ist es besser, InitiatorInnen mit viel Interesse an der Sache oder solche mit vielen Ressourcen einzusetzen?
 An welchen Netzwerkstellen sollen InitiatorInnen idealerweise stehen?
 Wie interagiert der Einfluß von ressourcenreichen resp. Interessenreichen InitiatorInnen mit dem Einfluß ihrer Netzwerkstellung?

 Hypothese: Aufgrund des Modells muß angenommen werden, daß je mehr und je ressourcenreicher die InitiatorInnen sind, desto größere Erfolgschancen bestehen. Weiter wird erwartet, daß InitiatorInnen mit sehr vielen Kontakten die besten Erfolgschancen mit sich bringen. Über die Interaktionen kann keine Vermutung geäußert werden.

 Ergebnis: Es zeigt sich, daß „nicht InitiatorInnen eingesetzt werden sollen, die einerseits in ihrer eigenen Gruppe viele Kontakte und somit großen Einfluß haben (zentrale Personen), und andererseits großes Interesse an der Anlage haben. Aufgrund der Ergebnisse ist die Überlegung, daß mehr Kontakte der InitiatorInnen generell mehr kompostierende Personen bedeuten, eine Fehlannahme" (S.84)
 Daraus folgt, daß es besser ist, mehr Initiatorinnen (= Erhöhung der Kontakte) oder mehr „ressourcenreiche InitiatorInnen" zu suchen.

Daher wurden im Experiment (der Computersimulation) mehrere unterschiedliche Varianten
betrachtet.

5.4.1.  Einfluß der Anzahl der InitiatorInnen
 
 Ohne Aktivität zur Lancierung der kollektiven Aktion können keine kollektiven Aktionen auftreten: jeder denkt, daß es sich nicht lohnt, der kollektiven Aktion beizutreten (zu kompostieren), weil es die anderen auch nicht tun.
 Jürg Artho." Möglicherweise denkt sich <die Person, d.Verf> sogar, daß, wenn alle ihre Kontaktpersonen kompostieren würden, dann würde Sie das auch tun. Bei niemandem aber reicht das Interesse soweit, daß sie als erste Person etwas beitragen würde. So halten sich die Leute gegenseitig gefangen in ihrem Verhalten" (S.77)

 Damit wird deutlich, daß es unabdingbar ist, sogenannte InitiatorInnen einzusetzen, die diesen Teufelskreis durchstoßen, und somit „das Argument `mein Beitrag bringt nichts` zu entkräften" (S.77)
 Die andere Möglichkeit besteht darin, eine Person als OrganisatorIn mit dem Zustandebringen eines „alle oder niemand"-Vertrages zu betrauen in der Hoffenung, daß sich die Aktion nach dieser Initialzündung von selbst weiter ausbreitet

 
 

5.4.2. Deckeneffekt

 Bei zufälliger Auswahl der InitiatorInnen ohne Berücksichtigung derer Stellung im Netzwerk zeigt sich, daß umso mehr Ressourcen zusammenkommen, je mehr InitiatorInnen sich beteiligen.(positiver Zusammenhang)
 „Ab einer bestimmten Anzahl von InitiatorInnen bringen jedoch weitere InitiatorInnen keinen grösseren Erfolg mehr." (S.78)
 
 Dies bezieht Jürg Artho auf die Optimumsregel nach Marwell & Oliver,die besagt, daß „eine Population ihre gesamthaften Beiträge auf einem Optimum einpendelt. Ab einem bestimmten Punkt im abnehmenden teil der S-Kurve wird der Grenznutzen für jede Person, die noch nichts beigetragen hat, im Verhältnis zum Aufwand zu klein, um noch teilzunehmen" (S.78)

5.4.3. Schneeballeffekt
 
 Sind die Startschwierigkeiten überwunden, verbreitet sich die Teilnahmebereitschaft exponentiell, weil der zu erwartende Grenznutzen für jeden weiteren Teilnehmer größer ist, als der Input. „Es wird jedoch bald der abnehmende Teil der S-förmigen Grenznutzenfuktion erreicht. In diesem Bereich beginnt die Optimierungsregel zu greifen" (S.78/79)

 Dabei wurde festgestellt, daß eine Mindestanzahl an InitiatorInnen Grundvoraussetzung für das Zustandekommen einer erfolgreichen kollektiven Aktion ist, jedoch eine unbegrenzte Steigerung an InitiatorInnen über das Optimum hinaus für das Gesamtergebnis nicht relevant ist (Deckeneffekt), sondern die zufällige Zusammensetzung der Personengruppen und deren Interessen und  Ressourcen  ein positives Ergebnis verursacht.
 Anderersits wirkt eine Erhöhung der Anzahl der InitiatorInnen über die Idealanzahl hinaus nicht kontraproduktiv.

5.5. Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Netzwerkstellungen der organisierenden Person auf die Verteilung der Teilnahmen über die Population?

 Hypothese: OrganisatorInnen mit vielen Kontakten innerhalb der eigenen Clique bewirken eine blockweise Teilnahme; O. mit Kontakten zu Personen von unterschiedlichen Cliquen bewirken auf die Population regelmäßig verteilte Annahmen.

 „Das deutlichste Ergebnis ist, daß eine Einschränkung des möglichen OrganisatorInnenkreises durch eine Netzwerkforderung bei der Variante der optimalen Organisator/In eine einschneidende negative Wirkung hatte" (J.Artho, S. 90)
 
 
 
 
 
 

Und weiter:
 „Die Einschränkung einer peripheren Netzwerkstellung wirkte dabei restriktiver, als die zentrale Netzwerkstellung"

 Daraus wird geschlossen, daß die Netzwerkstellung der organisierenden Person eine zentrale Rolle spielt, jedoch nur in der Vorgebbedingung einer bestimmten Netzwerkstellung wirkt sich dieselbe restriktiv aus.

 Hypothese: Ein zentraler Organisator fördert die blockweise Teilnahme, eine periphere Netzwerkstellung eine breit gestreute Teilnahme

 Dies konnte nicht bestätigt werden. Wenngleich in der Bedingung einer zentralen Netzwerkstellung am ehesten eine blockweise Teilnahme festgestellt wird, sind die Unterschiede zur zufälligen oder peripheren Netzwerkstellung kaum ersichtlich, und auf zufällige Teilnahmeentscheide zurückzuführen.
 Es zeigt sich allerdings, daß einE OrganisatorIn nicht unbedingt selbst an einer Aktion selbst teilnehmen muß, obwohl sich der Organisationsaufwand lohnt. Artho erklärt das mit dem sozialen Druck auf die organisierende Person, der erst dann zum Tragen kommt, wenn der Vertrag bereits in Kraft ist - die organisierende Person steht dann zwangsläufig selbst unter dem sozialen Druck, teilnehmen zu müssen.
 
5.6. Bringen Interventionen, die auf die Bedeutung der sozialen Norm gerichtet sind, Effekte?

 Wie müssen sie gestaltet werden, damit Effekte beobachtet werden?

Hypothese: Eine Senkung der Bedeutung der sozialen Norm wirkt sich positiv auf die Erfolgschancen einer kollektiven Aktion aus.
 Eine Erhöhung der sozialen Norm zum richtigen Zeitpunkt wirkt sich positiv auf die Stabilität einer kollektiven Aktion aus.
 
5.6.1 Senkung der sozialen Norm
 Dies bedeutet, daß Personen die Erwartungen anderer an das eigene Verhalten weniger wichtig einstufen, man also „unbefangener" und damit „selbst" entscheiden kann, was man entscheiden will.
 Die Hypothese, nach welcher die Erfolgschancen durch Senkung der sozialen Norm gesteigert werden, konnte bestätigt werden.
 Unabhängig von der Netzwerkstellung der InitiatiorInnen wurden die Erfolgschancen erhöht.. Bei peripherer Netzwerkstellung wirkt sich die Senkung der sozialen Norm, also der eigenen Erwartungshaltung über Beurteilungen Anderer weniger stark aus, als bei zentraler oder zufälliger Netzwerkstellung.
 „Tendenziell wird dadurch die Hypothese bestätigt, daß bei peripheren InitatorInnen die soziale Norm als Verbreitungsfaktor zum Tragen kommt"(J.Artho S.87)
 
Er erwähnt aber auch, daß die Hypothese noch eingehende geprüft werden muß, um diesbezüglich definitive Aussagen machen zu können.
 Hinsichtlich der Verteilung der teilnehmenden Personen zeigte sich eine blockweise Teilnahme bei zentraler und zufälliger Netzwerkstellung der Initiatorinnen, während bei peripherer Nertzwerkstellung eine breite Streuung der teilnehmenden Personen ersichtlich wurde.
 Ein überraschender Befund ist, daß die Senkung der sozialen Norm zu einem Ergebnis wie dargestellt führte, welches man jedoch ohne eine Senkung der sozialen Norm erwartet hätte.

5.6.2. Erhöhung der Bedeutung der sozialen Norm
 
 Um die oben angeführte Hypothese zu prüfen, wurde eine Kampagne zur Erhöhung der Bedeutung der sozialen Norm simuliert, sobald die Mehrheit an der kollektiven Aktion teilnimmt.
 Es zeigte sich, daß unter der Bedingung der Erhöhung der sozialen Norm die  Teilnahmebereitschaft absank, was auf das Argument zurückgeführt wird, daß der „eigene Aufwand deshalb nicht so nötig ist", und dies Wwirkt stärker, als der Druck, den die Person durch ihre soziale Umwelt erfährt."
 Demzufolge ziehen sich Personen wieder von der kollektiven Aktion zurück.

5.7. Ist es effizienter, kollektive Aktionen mit einem „alle-oder-niemand"-Vertrag oder mit InitiatorInnen zu evozieren?

 Hierzu die diesbezüglichen Ausführungen insgesamt im Zitat (S.96)

 „Der Vergleich der beiden Strategien „Einsatz von InitiatorInnen" und „Organisation" ist nur unter der Bedingung möglich, daß die Kosten für die Suche nach OrganisatorInnen resp. InitiatorInnen ohne Bedeutung sind. Sind diese Kosten gleich, muß zusätzlich berücksichtigt werden, daß das Modell der „alle-oder.niemand"-Verträge darauf ausgerichtet ist, daß sich das Organisieren lohnt.
 Das Enagegment als Initiatorin lohnt jedoch nur insofern, daß die Personen für ihre InitiatorInnen-Tätigkeit entschädigt werden. Während die OrganisatorInnen mindestens keinen Verlust, meistens sogar einen Gewinn verbuchen können, verzeichnen die allermeisten InitiatorInnen durch die Entschädigung keinen Verlust, aber auch keinen Gewinn. Erst, wenn die Kosten der beiden Strategien bis hin zum Einsatz der OrganisatorInnen resp. InitiatorInnen aufsummiert sind, können sie verglichen werden.
 Ginge man davon aus, daß die Budgets der aktiven Gruppierung unbegrenzt sind, und deshalb Kosten keine Rolle spielen, zeigen die Resultate, daß die Strategie der „alle-oder-niemand"-Verträge effizienter ist.
 Um die Strategien wirklich vergleichen zu können, ist das Modell zu wenig ausdifferenziert. Es taugt zwar zum Vergleich von Vorgehensweisen innerhalb der einzelnen Strategien, jedoch nicht für Vergleiche zwischen ihnen."
 
6. Quintessenz und abschließender Kommentar

 Die hier zu Grunde liegende Arbeit von Jürg Artho zeigt sehr schön die     Einstiegsgedanken, die theoretischen und terminologischen Grundlagen der    Entwicklung entsprechender Fragestellung und die Herangehensweise an dieselben.
 Inwieweit tatsächlich die gefundenen Ergebnisse  umsetzbar und verifizierbar sind,    kann hier im Rahmen dieses Referatsbeitrages aus verschiedenen Gründen nicht näher   beleuchtet und diskutiert werden.
 Jürg Artho selbst bemerkt sehr richtig:
 Validierung
 Die Anwendung der Computersimulation steht und fällt mit einer fachgerechten    Validierung. Während ein erstes Vorgehen in Richtung Anwendung und Ausbau eine   Validierung nach Augenscheinkriterien und aufgrund von bestehenden Modellen noch   genügen mag, wird ein wichtiger nächster Schritt in der Evaluation einer kollektiven   Aktion aufgrund von Kriterien aus dem Simulationsmodell sein. Eine erste Möglichkeit  dazu besteht darin, statistische Auswertungen individueller Daten aus simulierten    kollektiven Aktionen durchzuführen, und diese mit Daten aus der Literatur zu    vergleichen. Der wichtigere Schritt wird aber der Vergleich von Daten einer realen  kollektiven Aktion mit Daten der gleichen kollektiven Aktion sein, die auf dem    Computer nachgestellt wird." (S. 106)
 

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