Aufgabenstellung

* Evaluationskriterien für virtuelle Lernumgebungen werden aus Forschungsliteratur abgeleitet 
* die  analysierte virtuelle Lernumgebung  soll bestimmteLernprozesse unterstützen 

* Dimensionen des zu unterstützenden Lernprozesses

* Welche Gestaltungsaspekte der virtuellen Lernumgebung können diese Dimensionen unterstützen? 

* Wie würden die Antworten auf diese Fragen im Fall unseres virtuellen Seminars aussehen


Zunächst die Darstellungen der diesbezüglichen Texte:

Julian Garbotz:

Instruktionale Gestaltung(Gräsel,1997): 

Obwohl der Lernende sein Wissen allein konstruiert, braucht er auch Anleitung. 
Dies ist nicht unumstritten: Bruner setzt z.B. auf das entdeckende Lernen ohne Instruktion. Empirisch wurde aber 
nachgewiesen, daß ohne Unterstützung Probleme schlechter bearbeitet wurden, obwohl sie von den Anforderungen machbar waren. 

Gräsel unterscheidet bzgl. des Grades der Instruktion: 

1. Problemorientiertes Lernen mit geringer instruktionaler Unterstützung 

2. Problemorientiertes Lernen mit verstärkter instruktionaler Unterstützung 
 

zu 1.: Die Gestaltung der Lernumgebung soll die Einstellung vermitteln, daß es nicht nur richtig und falsch gibt, 
sondern stets meherer Perspektiven auf ein Problem gibt. Diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, 
Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen zu können, ist das zentrale Lernziel. 

zu 2.: Cognitive Apprenticeship Ansatz (Kognitive Handwerkslehre): 
Prozeßorientierte Unterstützung, gefördert wird die Anwendung von Strategien auf ein Problem 
 

Ich denke mal, daß die Lernmotivation im direkten Zusammenhang mit dem Lernerfolg steht: 
Je besser der Lernerfolg dest höher auch die Lernmotivation. Bei Lernmotivation muss jedoch noch zwischen intinsischer 
und extrinischer LM unterschieden werden. Intrinsisch heißt, daß man von sich aus gerne etwas lernt, extrinsisch heißt, daß man von außen dazu "gezwungen" wird (Anerkennung, gute Note, Arbeitsplatz, Geld...). 
Ich denke je mehr man eigenotiviert ist, desto weniger instruktionaler Unterstützung bedarf es, ganz ohne lernt man jedoch wahrscheinlich langsamer als mit. 


Hans Steiner
(Excerpt von: Reinmann-Rothmeier, G. & Mandl, H. (1999). Unterrichten und Lernumgebungen gestalten. (Forschungsbericht Nr. 60, überarbeitete Fassung). München: Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie)
 

Problem des "trägen Wissens": mangelnde Umsetzung erlernter Inhalte in die Praxis
Lösungsansatz: problemorientiertes Lernen 

- Rollenspiel-Lernen, realitätsnahe Rollen mit komplexem Lerninhalt als Lösungsweg
- Allerdings: nicht lediglich Beispiele
Lernen ist immer situations- & kontextgebunden und ein aktiver konstruktiver Prozeß

Domänenspezifische Strategien: beziehen sich auf den jeweilugen Fachbereich
- Diagnose - Hypothese - Überprüfung <<Kontrollstrategien 
=> hohe Eigenverantwortung; Bedarf an metakognitiver Strategien (Erkennen/Beheben v. Schwierigkeiten)

Gefahr: Überforderung
Problem: Fehlentwicklung

in "offenen LU" gibt es große Defizite bzgl. Umsetzung  domänenspezifischer Strategien 
Vermutung: bestehen auch in geschlossenen, problemorientierten LU

Ansatz:
* Förderung d.Verwendung domänenspezifischer Stragegien
* Verbesserung von Kontrollstrategien

Cognitive Apprenticeship: Modellierung: Experte zeigt und expliziert seine Vorgehensweise

McMaster Modell (Kanada, 1984, medizinischer Bereich)

* Lernziele werden von den Tn definiert
* Tutor kein "Wissenvermittler", sondern 
"Mentor" bei der Durchführung der Lernaktivitäten
Diskussionsleitung
Unterstützung/Koordination der Materialsuche
Ansprechpartner bei Schwierigkeiten
* Tutorenaus- und fortbildung/-supervision


Evaluationsstudien zu darauf basierend durchgeführten Curricula ergaben:

* hohe Akzeptanz bei Studenten und Lehrenden
* hohe Lernmotivation
* Prüfungsergebnisse bzgl. der Grundlagen schlechter (Theoriearmut)
    - wird auf die Prüfungsart zurückgeführt (Multiple Choice Abfrage vs. fallorientierter Prfgen)
    - Zusammenhangswissen wird nicht abgefragt

Qualität des Wissens
* Messung des Lernerfolgs methodenabhängig (MC vs. fallorientierte Fragenkomplexe)
* in Praxisvergleich (7 Studien, untersucht v. Albanes & Mitchell, 1993) positivere Beurteilung v. problemorientiert ausgebildeten Ärzten

* Fähigkeit zum selbstgesteuerten Lernen bei problemorientiertem Lernen

- stärkere Ausrichtung auf Verstehen vs. kurzfristiges Behalten 
- verbesserte Recherche-Fähigkeiten
- Nutzung breiterer Informationsquellen
- bei Eigendefinition der Lernziele wird mehr Literatur selbständig herangezogen
   -insbesondere bei unteren Semestern: vermuteter Lerneffekt bzgl. selbstgesteuerten Lernens
   -grundlegend dahingehend vorhandene Fertigkeiten verbessern sich!
* Verallgemeinerung problematisch
- quasi-experimentell, da die Studenten selbst wählten, welche Curricula sie nehmen
- vermutet werdend arf eine Art "self-serving-bias": wer ohnehin hoch lernmotiviert ist, wählt möglicherweise eher die problemorientierte Vorgehensweise, andere das herkömmliche Curriculum.


* instruktionale Gestaltung 
 

- Hilfestellung, Art und Umfang der H. durch Tutoren
- mediale Aufbereitung
- Formulierung der Probleme und Einbindung in Gesamtlehrplan korreliert stark mit Anregung zu Lernaktivität


* Praxiseinsatz von Medien (PC)
 

- nicht immer umfassend möglich (reale Untersuchungssituation "am Patienten" nicht simulierbar)
- kombinatorisch sinnvoll
- aktuell hohe intrinsiche Motivation bei Nutzung von PC-Lernmedien (Bauchschmerzstudie, LMU 1992)
  - problemorientierte Lernmethode vs. "Neueigkeitseffekt" des PC ?

- PlanAlyzer (Lyon et al.; 1990):

- kein Ergebnisunterschied zu klassischer MC
- aber schnellere Erarbeitung der zugrundliegenden Lern-Aufgaben
- hohe Langzeitwirkung (in Staatsexamen besser, als "Papierfassungs"-Gruppe)
- Probleme: 
- technischer Aufwand teilweise sehr hoch (Nutzung, redaktionelle Mitwirkung)
- sehr wenig (deutschsprachige) Programme verfügbar
- bislang nur schmaler Themenbereich
- didaktische Konzeption häufig intuitiv ohne theoretische Begründung


* Situiertes Lernen
 

- Lernen ist situations- und kontextgebunden
- aktiver, konstruktiver Prozess
- Lernen ist Auseinandersetzung einer Person mit  Gegenständen in einer bestimmten Situation
- Extremauffassung: keine Repräsentation als gespeichertes Wissen, sondern relational im neuronalen System jeweils neu definiert erstellte  Konstitution
- Gegenposition: objektivistisches Lernen: Wissensaufnahme/-speicherung in Repräsentationen, die abgerufen werden
- Konsens: Lernsituation definiert Bedingungen der Anwendung erlernten Wissens
  - "träges Wissen" kann mangels Kontext nicht oder nur schlecht eingesetzt werden

- Lernsituation muß der realen Situation ähnlich sein
- reduzierte Komplexität
- Authentizität: enthält die wesentlichen Merkmale des Problems
- Lösungsvariabilität soll gegeben sein
 

- dargebotene Inhalte werden vom Lernenden in Beziehung gesetzt, Bedeutung wird subjektiv zugewiesen
- situationsspezifische Bezogenheit
- Abhängigkeit von Vorwissen, Vorerfahrung, Überzeugungen

Gestaltung der Lernumgebung  soll Aktivität und Konstruktionsprozess fördern

Selbststeuerung
 

Bedeutung steigt
- je komplexer die LU
- je weniger Eingriff (von dritter Seite)
- je weniger S., umso mehr Anregungsbedarf aus der LU heraus
Erfordert
-  Selbstkontrollfähigkeit
- Anwendung metakognitiver Strategien
Soziales Aushandeln von Beziehungen
 
- Kulturabhängigkeit des Lernens
- Abgleich der individuellen Konstruktionen
- soziale Bedeutungsaushandlung
   - community of practice
- Lernen in der Gruppe: Teilnehmerverantwortlichkeit für die Gruppe
Motivation
-intrinische motiviertes Lernen erhöht
- Engagement der Lernenden
- Aktivität
- Konstruktivität des Wissenserwerbs  (Weinert)
- Erleben von Autonomie und Selbststeuerung
- Schwierigkeitsgradabhängigkeit
- Einbettung in sozialen Kontext förderlich
Situiertes Lernen: Hauptansätze

* Anchored Instruction
* Cognitive Flexibility Theory
* Cognitive Apprenticeship

* Anchored Instruction

- komplexe Problemsituation als "Anker" (Kontextbezogenheit)
  - Videopräsentation
     - komplexe & vernetzte Problemdarstellung
     - leichteres Verständnis bewegter Bilder vs. schriftl. Darstellung
  - Narrative Struktur: Geschichte im Kontext zum Lernenden und seiner Situation, Erfahrungen
  - Generatives Problemlösen: eigenständige Lösungsentwicklung, Vergleichsoption zu Beispiellösung
  - Einbettung der erf. Daten in den Anker
  - Sinnvolle Komplexität: Anker soll nicht "im luftleeren Raum" stehen
  - Transferförderung durch Paarbildung der Geschichten: verwandte Geschichten, dadurch 
     Dekontextualisierung mgl.
  - Verknüpfungen zu anderen Disziplinen: Perspektivewechsel
  - Umsetzung: Bildplatten f. Mathe, Geogr.(Jasper Series, Scientists in Action)
  - Gruppen, die mit AI gearbeitet hatten, waren in mathematischen  Tests überlegen
    - geplantere Vorgehensweise
    - mehr Teilprobleme erkannt
    - allgemein stärkerer Leistungsanstieg auch bei anderen Lernthemen
    - positive Einstellungsänderung (zu Mathe) und Relevanzzuschreibung zum Alltagsleben
    - Interaktivität förderlich vs. reines passives Ansehen


* Cognitive Flexibility Theory

- Komplexität der Probleme
- Wissen soll situations- und problemspezifisch konstruiert werden
- erfordert kognitive Flexibilität
- multiple Repräsentation: verbundenes, situationsspezifisch unterschiedlich zuweisbares Vorwissen
- Zielgruppe: Fortgeschrittene
- bessere Ergebnisse vs. linearem Vortrag


* Cognitive Apprenticeship
 

- "kognitive Handwerkslehre"
- Interaktion mit einem (domänenspezifisch ausgewählten) Experten
- Hilfestellung der Lernenden untereinander
- Erwerb flexiblen Wissens
- authentische Probleme
- Einführung in "Expertenkultur"
- gleichzeitige Vermittlung von Wissen und Strategien (Tips & Tricks)
- Kontroll-Strategien
   - Eigenbeurteilung
   - Selbstüberwachung
   - Selbst-Diagnose
   - Selbstregulation des Lernverhaltens

Vorgehensweise:
- Modelling - Darlegung der Problemstellung und Ofdefnlegung der Handlungsgründe
- Coaching - zunächst unterstützt vom Experten
- Fading - Experte zieht sich zusehends zurück
- Exploration - selbständige Problemlösung
- Articulation - Vorgehensweise und Strategien benennen
- Reflection - Vergleich mit anderen Lernenden

Verwendung von Lerntechnologien:
- Computerprogramme
- Videos
- andere Medien
 

Notwendigkeit instruktionaler Unterstützung

- der Lernende wird zum Konstrukteur (sinngem. aus Zitat Bruner 1981)

- aber: das entdeckte Lernen führt nicht zwangsläufig zu einer....Anwendung von Wissen (Ausubel, Novak & Hanesian, 1981, S.40 in einer Ktitik an Bruner) 
- daher erscheint instruktionale Unterstützung notwendig
- bei "Anchored Instruction": deutlich bessere Lernergebnisse mit Instruktion - vor allem wg. Erkennens der Teilziele
- bei "Cognitive Flexibility Theory": fehlende Anleitung  bei komplexen Lernumgebung =geringerer  Lernerfolg
- bei Cognitivre Apprenticeship": Instruktor als Experte vorgesehen
   - CA ist prozeßorientiert: Strategieanwendung wird  gefördert
   - Reciprocal teaching: Lernender & Lehrer wechseln die Rollen
   - Strategiekenntnisse verbessern Lernerfolg (LISP-Programmierungsstudie  v. Bielaczyc,Pirolly u.Brown 1991;1993)
 

 Seitenanfang 
Zurück zum Inhaltsverzeichnis