Psychomotorik in Stichworten
Grundlage: Rosenbaum, Human Motor Control
                teilweise in Klammern stehende Kürzel sind  "Merkhilfen"
4 Kernthemen der Psychomotorik Freiheitsgradproblem
Problem der seriellen Ordnung
Wahrnehmung und Bewegung
Fertigkeitserwerb
motorische Äquivalenz Vielfalt der Bewegungsalternativen
Bsp: Malen mit dem Mund, Lichtschalter m. Ellenbogen
Freiheitsgradproblem welche Bewegungsalternativen werden  aus der Vielzahl möglicher Bewegungsalternativen ausgewählt?
Lösungswege zum Freiheitsgradproblem (ÖkSyBio) Ökonomieprinzip
- kürzeste und unkomplizierteste Bewegung
- Vermeidung extremer Gelenkwinkel
- weiche Bewegungen (ohne "jerks")
Synergien
- funktionale Koppelungen
- beim Gehen Arme schlenkern
- beim Schlagzeugspielen störend
- beim Niesen: Augen schließen
Biomechanische Faktoren
- Nutzung der Bewegungsenergie beim Gehen
- Muskeln wirken wie Federn
3 Ebenen des FG-Problems 1. Trajektorenplanung (path planning)
- Weg der Bewegung (gradlinig bevorzugt)
2. invers-kinematisches Problem
- Umsetzung in die Gelenkwinkel
3. invers-dynamisches Problem
- Kraftbedarf für die Bewegung
Problem der seriellen Ordnung Reihenfolge der Elemente einer Bewegungssequenz
- beim Sprechen/Gehen etc.
Spoonerismus benannt nach Prof. Spooner/Oxford
Verwechslung von Buchstaben
komplexe Pläne ersichtlich, da Verwechslungen immer Vokal mit Vokal, Konsonant mit Konsonant, Substantiv mit Substantiv und Verb mit Verb
> Problem der seriellen Ordnung
Koartikulation Effektoren sind gleichzeitig vorbereitend aktiv, um eine sequentielle Aufgabe zu vollziehen: Formung der Lippen beim Wort "Tulpe" zum "U", obwohl man erst "T" sagt 
Hinweis auf komplexe Bewegungssequenzpläne
Koartikulation nicht nur bei Sprache!
Phasen zielgerichteter Bewegung (Beschkorr) 1.Beschleunigungsphase (ballistische Phase)
- schnell, unveränderlich, ohne Feedbacksteuerung
2. Korrekturphase
- Feedback Effektorposition in bezug auf Zielposition
- langsamer als 1.Phase
negativer Feedback-Loop Rückkoppelungsmodell
- durch Negierung des Fehlers erfolgt Korrektur
1. Referenzsignal
- was soll sein?
2. "Plant" setzt Kontrollsignale in Output um
- Handbewegung
3. Komparator
- Positionsvergleich zwischen Hand und Referenzsignal
closed-loop Feedback durch Rückkoppelung
- visuelles Feedback beim Greifen
open-loop nach Bewegungsbeginn  keine Feedbacksteuerung mehr
- Programmsteuerung
feedforward-Kontrolle korrekte Bewegungen ohne Feedback
- Beinbewegung auch ohne sensorisches Feedback
- Bewegung plumper und ungenauer
räumliche Kompatibilität Reaktion auf einen Lichtreiz durch Drücken einer Taste
links/rechts, je nachdem, wo das Licht erschien
Inkompatibilität Licht links, rechte Taste und umgekehrt
Experiment räuml. Kompatibilität : Hände überkreuzen Exp.1:
rechte Hand, Position links, 
Druck linke Taste bei Licht links
linke Hand, Position rechts, 
Druck rechte Taste bei Licht rechts
Exp. 2:
rechte Hand, Position links, 
Druck rechte Taste bei Licht links
linke Hand, Position rechts, 
Druck linke Taste bei Licht rechts

Schneller, wenn Licht/Taste kompatibel, als wenn Licht/Hand kompatibel.

Folgerung: räumliche Kodierung 

Sakkadische Suppression Während Sakkaden werden visuelle Inputs vom Gehirn unterdrückt
Ikonischer Speicher liefert kurzzeitig stabiles Bild
Fertigkeitserwerb closed loop: Rolle des Feedbacks
generalisierte motorische Programme: Trainingsplan
mentales Üben: Übergang von einer Fertigkeit zu anderer
Fitt´s 3-Phasen-Modell
variable/konstante Übung: was muß geübt werden, um nicht "verlernt" zu werden?
Okulo-vestibulärer Reflex unwillkürliche Augenrotation bei Kopfbewegung zur Beibehaltung einer Blicklinie
- Beginn innerh. 14 ms
- kein visuelles Feedback (würde 100ms benötigen)
- funktioniert auch im Dunkeln
- Koppelung zwischen Gleichgewichtsorgan und Auge
response-chaining-theorie
Reaktionskettenbildung
serielle Ordnung ist Feedback-gesteuert
Feedback aus Bewegung 1 löst Bewegung 2 aus usw.
Übung beschleunigt Bewegung
Gegenargumente zu response-chaining-theorie 1. Timing
- 100ms-Feedback-Zeit: wie dann schnelle Bewegungen?
2. Logisches Argument:
- beim selben Output unterschiedliche Folgesequenzen möglich (Haus-boot/ -frau/ -halt usw) Ungeklärt!
3. Verhinderung von Feedback dennoch Bewegungen möglich
4. Regelgeleitetes Verhalten, Generalisierung
- kann von Kettentheorie nicht erklärt werden
element-to-position-association Zuordnung einer zeitlichen Positionsmarke
HAPPY BIRTHDAY wäre dann
HA = 1  PPY= 2   BIRTH=3   DAY=4
Vorzug dieser Theorie:
- erklärt Wortverwechslungen
(abgefragte Position korrekt, dort aber anderes Element)
- erklärt Timing
Problem der Theorie:
- kann regelgesteuertes Verhalten nicht erklären (Wortbetonung)
- wie entstehen schnellere/langsamere Bewegungen?
- Markierung der zeitlichen Positionen unklar
interelement-inhibition Sequenz besteht aus erregenden und hemmenden Elementen, und werden von höherer Instanz aktiviert
Ablauf je nach Hemmungsstärke 
- erklärt Koartikulation
- physiologisch sehr plausibel
Ungeklärt:
- wie wird die Auftretensreihenfolge der Elemente gesteuert (ESEL/LESE) 
- wie wird Sequenz gestartet? 
- Wie wird die hemmende Verbindung aufgebaut?
Hierarchiemodelle der seriellen Ordnung Annahme separater Kontrollebenen
- plausibel, da Sprache auch hierarchisch organisiert
- kann regelgesteuertes Verhalten erklären, da Regeln "höher" angesiedelt sind, und niedrigere Ebenen beeinflussen
closed-loop-theorie des Fertigkeiterwerbs (Adams) Regelkreismodell
motorisches Lernen durch Verfeinerung motorischer Feedback-Schleifen (Wahrnehmungsspuren)
Greifbewegung Richtung Glas - perzeptive Rückmeldung-Korrektur-Rückmeldung usw.
Es entsteht ein perceptual trace
Wissen um Handlungsergebnis (knowledge of result=KR) verbessert den Handlungserfolg


Kritik:
- ist eigentlich response-chaining 
- demnach müsste KR effektiveres Lernen bringen
- unter best. Umständen aber weniger KR vorteilhafter
Fertigkeitserwerb nach der 
Theorie generalisierter motorischer Programme
es wird Schema (generalisiertes mot.Programm) gebildet
Parameter setzen dieses Programm bedarfsbezogen um
- dadurch hohe Flexibilität, nur wenige Programme nötig
Experiment: Rosenbaum et.al.(1984)
- Fingertapping nach Vorgabe links oder rechts
Bedingung 1
Sequenzen re/li-Hand spiegelbildlich
Bedingung 2
Sequenzen nicht spiegelbildlich
Ausführungszeit unter Bed.1 kürzer
Grund:
in der nicht spiegelbildlichen Bedingung sind mehr Parameter zur Definition des Bewegungsablaufes nötig, dies braucht mehr Zeit
Fertigkeitserwerb bei variabler/konstanter Übung variable Übung führt zu mehr Erfolg, als konstante Übung
höherer Lerntransfer auf ähnliche Fertigkeiten
Experiment: Carson & Wiegand (1979)
Kinder warfen mit Bohnensäcken.
Experimentalgruppe: unterschiedliche Gewichte
Kontrollgruppe: immer gleiches Gewicht
Bei späterem Werfen mit anderem Gewicht (das bei der Übungsphase nicht vorkam), hatte Experimentalgruppe (=variable Gewichte) bessere Ergebnisse
Ergebnis: Variation führt zu besserer Langzeit-Erinnerung
Potenzgesetz des Lernens die für eine Aufgabe erforderliche Zeit ist umgekehrt proportional zur Übung. Je mehr man übt, umso weniger Zeit braucht man zur Bewältigung einer Aufgabe
mentale Übung beim Fertigkeitserwerb mentales Üben bringt einen Lernfortschritt, da es den Aufbau höherer Einheiten fördert, die dann später nur noch aktiviert werden müssen.
mentales Üben ist effektiver als nicht üben, aber weniger effektiv als  physisches Üben
Experiment: "Denken" oder "Aufsagen" von Sätzen
Durch Üben wurde die Zeit in beiden Fällen kürzer
Fitt´sches 3-Phasenmodell des Fertigkeitserwerbs 1. kognitive Phase
- Erlernen grundlegender Abläufe
- hohes Maß an Aufmerksamkeit
2. assoziative Phase
- automatischere Form der Tätigkeitskontrolle/-steuerung
3. autonome/automatische Phase
- schnelle, konstante Aufgabenausführung ohne viel Aufmerksamkeit
Fitt´sches Gesetz Reaktionszeit steigt mit zunehmender Entfernung und abnehmender Größe des Ziels
MT=a+b x log2 (2A/W)
Experiment:
mit Hammer Nägel einschlagen
Nagelgröße, Entfernung Nagel/Hammer variiert
mit zunehmender Schwierigkeit steigt die Reaktionszeit
prozedurales Wissen schwer verbalisierbar, Ablaufwissen (Fahrrad fahren), wichtig für Bewegungsabläufe
deklaratives Wissen Beschreibungswissen
Fakten, die verbal ausgedrückt werden können
motorisches Programm Satz von Muskelbefehlen
vor Beginn der Bewegungssequenz strukturiert
ohne sensorisches Feedback ausführbar
zentral gesteuert
motorischer Buffer motor output buffer (mob) 
motorischer Kurzzeitspeicher für Bewegungssignale
Experiment: Logan (1982)
Tippen von Text mit Schreibmaschine
nach Signal sofort stoppen
es kam i.d.R. nur noch 1 Buchstabe=Speicher nur 1 Zeichen
Greifen beim Kleinkind 1. Bewegungsverlangsamung bei Annäherung an Greifobjekt mit 5 Monaten
2. Greifbewegung nur aufgrund visueller Info erst ab ca. 9 Monate (Stange direkt Greifen oder vorher Betasten)
visuelle Dominanz visuelle Wahrnehmung leitet andere Wahrnehmungen
Experiment: Gibson (1933)
Vpn sehen durch Prisma eine "krumme" Stange.
Angabe, daß Stab krumm aussehe,und sich auch so anfühle
iteratives Korrekturmodell Steuerung schneller Zielbewegungen
Serie von Teilbewegungen, die durch Feeedback ausgelöst werden
Korrekturphase durch intermittierend verarbeitetets FB
z.B. 20cm+10cm+5cm+2,5cm+1,25cm....
Masse-Feder-Modell langsame Zielbewegungen
Muskeln kehren automatisch zum Ruhepunkt zurück
Bewegungssteuerung durch diesen Automatismus
Experiment:  Polit & Bizzi (1978)
Affen wurde visuelles Feedback durch Sichtblende blockiert
dennoch exakte Zielbewegungen
Feedback kann nicht die einzige Infoquelle sein
intersegmentale Koordination beim Greifen Transportphase >>> Greifphase
Steuerung durch verschiedene Hirnregionen
Befunde:
1. Griffgröße (Abstand Zeigefinger/Daumen) ist abhänghig von der Geschwindigkeit der Griffausführung.
Je schneller, umso größer die Griffweite
- erhöht die Wahrscheinlichkeit das Objekt zu fassen
2. zeitliche Koppelung
- Abstand am größten in der letzten, langsamen Phase der Bewegung (Endannäherung)
Bewegungssynchronisation bei gleichzeitiger Bewegung beider Hände auf unterschiedlich schwierige Ziele erfolgt eine Synchronisation: beide Hände ungefähr gleich schnell
Experiment  Haken et.al (1985)
ein Zeigefinger gebeugt, einer gestreckt - Anti-Phasen-Bewegung. Es kommt immer zum Übergang zu phasengleicher Bewegung, jedoch nie umgekehrt von phasengleich zu phasenungleich!
zentraler Plan bei Schreibmaschineschreiben? Zeitbedarf für Sequenzen zwischen 2 Anschlägen wesentlich kürzer als 200 ms, sensorisches Feedback benötigt aber 200 ms oder mehr - also keine Feedback-Steuerung sondern zentraler Plan
einfache Reaktionszeiten (RT) Zeit, die benötigt wird, um auf ein Signal zu reagieren
Abhängig von:
Alter, Konzentration,Aufmerksamkeit,Übung,Schwierigkeitsgrad, Intensität des Reizes, Grad der Reiz-Antizipierbarkeit, Art der Reaktion, Masse des Effektors
Wahlreaktionszeiten Zeitbedarf, wenn mehrere Signale als Reize 
- länger, als einfache RT
- Anzahl der S-R-Paare 
Hick-Hyman-Law: RT steigt mit Anzahl der möglichen Reaktionen
- Antizipierbarkeit
- Übung
stimulus-response-compatibility Beziehung zwischen S und R beeinflußt die RT
- je besser die Passung, umso kürzer RT
response-response-compatibility - Interaktion zwischen möglichen Reaktionen
- unterschiedliche Wahlreaktionszeit je nach "Passung" der Alternativreaktionen
Experiment Kornblum (1965)
Bedingung 1
Reaktion mit Zeige- ODER Mittelfinger der rechten Hand
Bedingung 2
Reaktion entweder mit ZF rechte oder ZF linke Hand
WRZ unter Bed 2 war kürzer
Grund evtl. neuronale Verschaltung der homologen Finger
(ZF li/ZF re )der GLEICHEN Hand  im Gehirn
serial-choice-reaction-time
Serielle Wahl-Reaktionszeit
serielle Tastendrücke nach serieller Signalfolge
1. schnelleste RT bei homologen Fingern
2. langsamer bei Fingern der gleichen Hand (MF li nach ZF li)
3. am langsamsten bei ZF li/MF re
 Amodalität des Timings zeitlich steuernde Mechanismen verschiedener Sinnesmodalitäten sind nicht getrennt, sondern unterliegen einer zentralen "Timing-Instanz" 
Experiment: Keele et.al (1985)
1.motorische Timing-Aufgabe: 
mit Fuß od. Finger regelmäßig  "tappen"
Genauigkeit des Timings korrelierte bei Fuß und Finger 
2.Zusätzlich mußten kurze auditive Intervalle geschätzt werden
- wer bei der perzeptiven Aufgabe gut war, war auch bei der in der mot.Timing-Aufgabe gut
Dies bestätigt die Annahme eines amodalen Mechanismus, der auf beide (mehrere, alle) Modalitäten wirkt
Timing ist Bestandteil der Gedächtnisrepräsentation Experiment Summers (1975)
Vpn trainierten, Tasten in bestimmter Reihenfolge und mit bestimmtem Timing-Muster (Rhythmus) zu drücken
Später sollte möglichst schnelle Wiedergabe erfolgen, ohne Rücksicht auf den Rhythmus
Ergebnis: Rhythmus wurde beibehalten, wurde erst nach /durch ausgiebige/r zusätzliche Übung wieder  "gelöscht"!
Auge-Hand-Spanne Diskrepanz zwischen dem, was man gerade sieht, und dem, was man gerade schreibt
- Auge führt Hand 4-8 Buchstaben beim Maschineschreiben
Augen-Lese-Spanne Verzögerung zwischen dem, was man gerade laut vorliest, und dem, was man gerade lesend fixiert (12-24 Buchstaben)
Typische Fehler beim Maschineschreiben 1. Irrtümliches Drücken der horizontal benachbarten Taste
2. ...der vertikal angrenzenden Taste
3. Verwechslung des homologen Fingers (li/re Zeigefinger)
Schlußfolgerung:
Der Identifikation von Tasten und Fingern liegen unterschiedliche Verarbeitungs-Mechanismen zugrunde!
Wörter vs. "Nicht-Wörter" Wörter werden schneller getippt
Häufigkeit des Tippens steigert Tippgeschwindigkeit
semantische Wiedererkennung in "Produktionseinheiten"
Rumelhart & Norman (1982) Netzwerk mit Knoten für jede Taste
hemmende oder erregende Verbindungen zw. den Knoten definieren die serielle Ordnung der Buchstaben
- interelement-inhibition-Modell
- Enthemmung auch, bevor der entsprechende Tastendruck bereits beendet ist, dadurch schnelle/simultane Aktivität möglich
Unterschied Schreibmaschine/ Klavierspielen Schreibmaschine:
Output schnell und korrekt
keine rhythmischen/expressiven Elemente
Klavierspielen:
Timing (Rhythmus) und Anschlagskraft zu kontrollieren
Koordination der Fußpedale
Überwindung motorischer Synergien

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3.3.99 HS


24.1.99 H.S.

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